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Begegnung mit dem mysteriösen Unbekannten

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»Du siehst gut aus.« Kritisch betrachtete mich Angela im Spiegel. »Du musst nur noch die Haare irgendwie in den Griff kriegen, dann rockst du den Saal, Baby.« Sie grinste mich an.
»Ich will den Saal nicht rocken, ich will nur Mrs. Atkins um den Finger wickeln«, widersprach ich und bürstete meine Haare. Sie in den Griff zu bekommen, wie Angela es so schön formuliert hatte, war alles andere als einfach. Meine Locken machten, was sie wollten, und nicht, was ich für sie vorgesehen hatte. Auch jetzt gehorchten sie wieder nicht. Ich wollte sie hochstecken, doch sie kringelten sich so stark, dass einzelne Strähnen ständig herausrutschten.
»Du siehst heiß aus in dem Look«, sagte Angela mit einem anerkennenden Lächeln. »Als wärst du gerade aus dem Bett gefallen. Die Männer werden dir zu Füßen liegen.«
Ich schüttelte den Kopf. »Es ist mir egal, wer mir zu Füßen liegt. Ich habe keine Zeit für Flirts. Ich muss arbeiten. Der Job ist wichtiger als irgendwelche Abenteuer.«
Angela zuckte mit den Schultern. »Dann eben nicht. Ich würde nicht zögern, mir einen der mächtigsten Männer New Yorks zu schnappen, wenn ich die Gelegenheit hätte, am Ball der New Yorker Wirtschaft teilnehmen zu dürfen. Du bist eigenartig, dass du dir solch eine Chance entgehen lässt!«
Ich schielte auf die Einladung, die auf der Kommode neben der Tür lag. Sie war heute überraschend mit der Post gekommen.
»Meine Firma wird mir die Einladung bestimmt nicht geschickt haben, damit ich mir einen Mann angle, sondern damit ich Pressearbeit leiste.«
»Ein hohes Tier aus Politik und Wirtschaft würde sich mit Sicherheit gut auf eurer Seite machen. Danach könnt ihr euch bestimmt vor Anfragen kaum retten!«
»Es ist erstaunlich, dass sie mir die Einladung überhaupt geschickt haben, ohne etwas davon zu erwähnen. Beim letzten Mal war ich offiziell vom Chef gebeten worden, aber dieses Mal kam nicht ein Wort von ihm, nicht einmal von George.«
»Dein Arbeitgeber, das unbekannte Wesen.« Angela trat von hinten an mich heran und sah über meine Schulter in den Spiegel. Sie musterte das schwarze, kurze Kleid, das sich eng an meinen Körper schmiegte. Es war neu, ich hatte es von meinem ersten Gehalt bei »Sweet Passion« gekauft, aber noch keine Gelegenheit gehabt, es zu tragen. »Genieß trotzdem den Abend«, sagte sie, »auch wenn du arbeiten musst. Die Party wird bestimmt super. Und vielleicht springt sogar eine gute Story für dich heraus.«
Ich drehte mich zu ihr um. »So eine Geschichte wie der Skandal um Lester Paul wäre fantastisch.«
»Als ob er es nötig gehabt hätte, drei Millionen zu hinterziehen! Können die Leute den Hals nicht voll genug bekommen?«
»Vermutlich hat er seine anderen Millionen auf dieselbe Weise ergaunert, ist nur noch nie erwischt worden. Der Skandal macht mir mal wieder deutlich, warum ich diesen Job will. Ich möchte Betrug und andere unlautere Machenschaften aufdecken und veröffentlichen.«
»Du weißt, dass du meine vollste Unterstützung hast, in dem Beruf nach oben zu kommen.«
Ich lächelte und warf ihr einen zuversichtlichen Blick zu. »Ich bin nicht mehr weit davon entfernt, dazuzugehören.«
Angela lächelte ermutigend. »Ich drücke dir die Daumen.«
»Danke.« Ich umarmte sie kurz, dann wandte ich mich noch einmal dem Spiegel zu, um meine Haare zu bändigen. Aber sie wollten einfach nicht gehorchen.
»Gib es auf«, lachte Angela. »Du siehst trotzdem fantastisch aus.«
Ich prüfte mich ein weiteres Mal im Spiegel. Ich hatte mich dezent geschminkt und besonders die Wimpern betont. Meine Augen waren das Schönste an meinem Gesicht, fand ich. Der Rest war eher durchschnittlich. Dazu trug ich nur wenig Schmuck und hatte mich für Ohrringe entschieden, die ich von meiner Grandma geerbt hatte. Sie waren aus Weißgold und mit echten Diamanten besetzt. Die Steine waren klein, aber für mich waren die Ohrringe trotzdem sehr wertvoll. Ich trug sie nur zu besonderen Anlässen.
Auf einmal spürte ich einen Klatsch auf meinem Hinterteil. »Aua! Das tat weh!«, rief ich empört Angela zu, die sich lachend zur Tür drehte.
»Viel Spaß, Cassie«, sagte sie und zwinkerte mir zu. »Und grüß Dick Wolf und Tyler Jennings, falls sie da sind. Und natürlich Jack Richardson.«
Ich winkte lächelnd ab. »Ich gebe mir Mühe. Aber im echten Leben sehen die Leute immer ganz anders aus als im Fernsehen.«
»Trotzdem, versuche es bitte, für mich!« Sie legte einen flehenden Gesichtsausdruck auf.
»Okay, ich werde das Handy einschalten und die Wikipedia-Bilder mit den Live-Gesichtern vergleichen.« Ich ließ Angela nur ungern hängen. Wir wohnten seit zwei Jahren zusammen in einem Zwei-Zimmer-Apartment im East Village von New York und hatten uns angefreundet. Angela war Single wie ich und voller Hoffnung auf den großen Durchbruch in New York. Sie arbeitete als Drehbuchautorin und schrieb Folgen für eine Sitcom, die bei einem New Yorker Fernsehsender ausgestrahlt wurde. Die Show war nicht vom Kaliber von »How I met your mother« oder »The Big Bang Theory«, sondern eine unbekannte Sendung, die hauptsächlich von den New Yorker Lateinamerikanern gesehen wurde. Darüber hinaus wurde Angela für ihre Arbeit schlecht bezahlt und versuchte, bei größeren Produktionen Fuß zu fassen, sie war aber bisher ohne Erfolg geblieben.
»Du bist ein Schatz«, sagte sie und warf mir einen Handkuss zu. Dann ging sie aus meinem Zimmer und ließ mich allein zurück.
Ich legte dezenten, roten Lippenstift auf und drehte mich einmal um mich selbst. Das Kleid saß. Dann nahm ich die Einladung und steckte sie in meine Handtasche.
Ich nahm meinen Block, einen Kugelschreiber und mein Smartphone mit der 18-Megapixel-Kamera, das mir mein Vater dieses Jahr zu meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte, und steckte sie zu der Einladung. Vielleicht würde es tatsächlich eine Gelegenheit geben, eine richtige Story an Land zu ziehen, die mir den Weg in die Büroetagen einer großen Zeitung ebnete.
Ich strich eine verirrte Haarsträhne aus meinem Gesicht und steckte sie zu den anderen in die Spange, doch sie löste sich wieder. Schließlich klemmte ich sie hinter mein Ohr. Dann verließ ich mein Zimmer und rief Angela ein »Wir sehen uns« zu, das sie mit einem »Viel Spaß und rock den Saal, Baby!« erwiderte. Dann warf ich meinen Mantel über und ging hinaus in den Flur.
Das Licht im Treppenhaus brannte. Mr. Graham aus dem dritten Stock stieg beschwerlich die Treppe herunter. Seine Knie waren krank und immer entzündet. Er hatte beim Laufen offensichtlich Schmerzen.
»Kann ich Ihnen helfen, Mr. Graham?«, fragte ich und stieg die drei Stufen zu ihm hoch, um ihn zu stützen. Auf der anderen Seite hielt er sich am Geländer fest.
»Danke, das ist nett von dir«, erwiderte er. Er war erstaunlich leicht. Seine knochige Hand stützte sich auf meinem Arm auf. Die Finger waren von der Gicht verbogen.
»Geht es Ihnen gut, Mr. Graham?«, fragte ich. »Sie sehen so dünn aus.«
Der alte Mann lachte heiser. »Jaja, alles bestens. Mach dir keine Sorgen um mich. Das ist im Alter so. Aber du siehst hübsch aus. Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich sofort um dich werben.«
»Das ist sehr schmeichelhaft, Mr. Graham«, schmunzelte ich. »Aber ich habe keine Zeit für Männer. Ich muss erst einmal meinen Job auf die Reihe bekommen. Ich bin noch nicht da, wohin ich will. Bis dahin muss die Liebe warten.«
»Lass sie nicht warten, wenn sie wirklich an deine Tür klopft, Kind«, sagte er. »Die Liebe ist die Einzige, die es dir übelnimmt, wenn du zögerst.«
»Okay«, sagte ich, noch immer schmunzelnd. »Ich werde es mir merken. Aber ich denke nicht, dass in nächster Zeit Gefahr dafür besteht.«
»Dabei ist New York so groß und voller Männer, die nur darauf warten, ein so hübsches Mädchen wie dich zu ergattern.« Er schüttelte tadelnd den Kopf. »Was für eine Verschwendung! Allerdings gibt es auch viele Schufte unter den Männern. Vor denen musst du dich in Acht nehmen!«
»Ich werde Ihnen Bescheid geben, wenn es mal soweit ist. Dann dürfen Sie den Auserwählten höchstpersönlich begutachten!«
Er nickte schmunzelnd. »Das wäre witzig, doch das mache ich gern. Pass auf dich auf! Und danke für deine Hilfe.«
Wir waren unten angekommen. »Wohin wollen Sie?«, fragte ich. »Kann ich Ihnen noch weiter helfen?«
»Nein, ich will nur die Post holen und etwas frische Luft schnappen. Geh, wohin du gehen musst. Und danke nochmals.«
»Gern geschehen, Mr. Graham. Wenn Sie Hilfe brauchen, um wieder nach oben zu gehen, klingeln Sie bei Angela. Sie unterstützt Sie bestimmt.«
»Danke, nach oben geht es immer etwas besser, wenn man mir genügend Zeit lässt.« Er lächelte mich aufmunternd an. »Viel Spaß, Cassidy. Verschwende deine Zeit nicht mit mir altem Mann. Geh raus und genieß dein Leben.«
»Danke, Mr. Graham. Wir sehen uns.«
»Ja, ja, das machen wir.«
Ich lief aus dem Haus, während Mr. Graham seinen Briefkasten öffnete.
Draußen empfing mich der Lärm der Großstadt. New York war die geilste Stadt der Welt, die Stadt, die niemals schlief. Eine bunte Mischung an Menschen hastete oder flanierte über die Bürgersteige, schob sich den U-Bahnstationen zu oder strebte die Sehenswürdigkeiten an. Auf den Straßen rollte ununterbrochen der Verkehr, hupten Busse und versuchten die Polizeiwagen, sich Durchgang zu verschaffen. Der Lärm der Stadt schien nie abzuebben, nicht einmal in der Nacht. Wie eine Glocke hing er über dem Häusermeer und saugte die Geräusche der Individuen auf wie ein Schwamm.
Ich liebte New York. Der Moloch hatte mich aufgenommen, wie er jeden Straßenköter annahm. Man war auf sich allein gestellt, wenn man ums Überleben kämpfte. Aber ich ließ mich von dieser Einsicht nicht unterkriegen, im Gegenteil. Ich würde es in New York schaffen, mir meine Träume zu erfüllen. Ich war bereits so weit gekommen, es fehlte nur noch ein kleiner Schritt.
Ich lief zur nächsten U-Bahnstation und fuhr nach Midtown zum Waldorf Astoria, wo der Ball der Wirtschaft stattfinden sollte. Ich spürte ein unruhiges Flattern in meiner Magengegend. Nervosität. Ich war noch nie allein bei einem so wichtigen Event gewesen. Und wenn man sich die Gästeliste ansah, gehörte ich zu den unwichtigsten und unbedeutendsten Gästen überhaupt. Der Bürgermeister von New York würde kommen, die Manager der bedeutendsten in New York ansässigen Unternehmen, Models und Filmstars. Angela hatte mir aufgetragen, die Chefs der größten Fernseh-Produktionsfirmen anzusprechen, wie Dick Wolf und Jack Richardson. Aber ich wusste nicht, ob ich sie erkennen würde. Immerhin wusste ich, wie Susan Atkins aussah, die Chefredakteurin der New York Times, die ich auf jeden Fall sprechen wollte.
Ich ging die Park Avenue hinunter und auf das Waldorf Astoria zu, eines der traditionsreichsten Hotels in Manhattan, vielleicht sogar der ganzen Welt. Limousinen hielten in fast regelmäßigem Abstand vor dem beeindruckenden Gebäude und spuckten elegant gekleidete Pärchen in Ballkleidern aus. Ich war offensichtlich die Einzige, die zu Fuß kam.
Am Eingang standen zwei Pagen, die wie Statuen wirkten und mich mit unbewegter Miene ansahen.
»Ich möchte zum Großen Ballsaal«, sagte ich und zeigte meine Einladung.
»Bitte die Stufen hinauf und dann zum Fahrstuhl. Der Lift-Page wird Sie begleiten, wenn Sie möchten.«
»Danke.«
Ich betrat die Lobby und hielt den Atem an. Sie war atemberaubend und strahlte kühlen Chic und eine mondäne Atmosphäre aus. Ornamente zierten den Boden, Gold schimmerte an der Decke und am Dekor. Ich versuchte, nicht zu sehr wie ein Landei auszusehen, das zum ersten Mal in der Lobby eines sündhaft teuren Hotels steht, und folgte der Beschreibung des Pagen zum Fahrstuhl. Dort wartete ein weiteres Pärchen in Abendgarderobe auf den Lift. Ich kannte die Frau. Sie war Moderatorin bei einer Reality-Show, die immer am frühen Nachmittag ausgestrahlt wurde. Teures Make-up lag auf ihrem Gesicht. Sie trug ein Kleid, das mit Sicherheit mehr gekostet hatte, als ich in einem Monat verdiente.
Ich versuchte, sie nicht zu auffällig anzustarren, zumal mir gerade einfiel, dass in der Klatschpresse erwähnt worden war, dass sie zum vierten Mal geheiratet hatte. Der Mann an ihrer Seite war dann wohl Ehemann Nr. 4.
Als der Fahrstuhl eintraf, waren die beiden immerhin so nett, mich mit in den Lift zu lassen, wo der Page den Knopf für den dritten Stock drückte. Ich presste mich in die Ecke, da ein weiteres Pärchen noch zum Lift eilte und mitfahren wollte, bevor sich die Tür schloss. Dieses Mal kannte ich den Mann. Es handelte sich um Conrad Denver-Queens, der CEO der New Yorker Elektrizitätswerke. Er war ein hagerer Mann um die fünfzig, die Frau an seiner Seite zwanzig Jahre jünger. Er grüßte, bevor er sich zu uns stellte. Sein Blick streifte mich musternd. Er schien zu überlegen, ob ich jemand Wichtiges wäre, kam offensichtlich jedoch zu keinem befriedigenden Ergebnis. Deshalb lächelte er mich nur an.
Ich nickte mit dem Kopf zum Gruß, dann studierte ich das Schild über der Tür des Fahrstuhls. Doch ich kam kaum dazu, zu lesen, wie viele Tonnen der Lift transportieren durfte und wann man den Notfalldienst anrufen sollte, denn der Fahrstuhl hielt nur wenige Augenblicke später wieder an und entließ uns in den dritten Stock.
Ich benötigte niemanden, der mir den Weg zeigte, ich folgte einfach den beiden Pärchen aus dem Fahrstuhl zum Großen Ballsaal.
Ich hatte mir keine Vorstellung von dem gemacht, was mich erwartete. Meine Imagination wäre der Realität auch niemals gerecht geworden. Der Große Ballsaal war das prächtigste, was ich je in meinem Leben gesehen hatte, und vermutlich jemals sehen würde. Schon der silberne Korridor, der zum Saal führte, nahm mir den Atem. Durch riesige Fenster floss sanftes Licht auf den gefliesten Boden. Palmen und kleine rote Hocker lockerten das Bild auf, und am Ende stand ein schwarzer Flügel, an dem ein Pianist saß und leichte Musik spielte.
»Ihre Einladung bitte«, sagte ein breitschultriger Mann mit braunen Augen und buschigen Brauen.
Ich reichte ihm die Karte, die er kurz musterte. Ich hatte das Gefühl, als würden seine Augen zucken, als er meinen Namen las.
»Miss Evans, herzlich willkommen«, sagte er, dann durfte ich den Ballsaal betreten. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie er einem anderen Mann zunickte, der einen schwarzen Anzug und eine blaue Krawatte trug und vor der Bühne des Ballsaals stand.
Ich achtete nicht weiter darauf, sondern sah mich im Saal um. Der atemberaubende Raum fasste mehr als tausend Menschen, jetzt waren etwa fünfhundert anwesend. In den Logen in den oberen Etagen saßen vereinzelt Gäste und unterhielten sich. Vermutlich wurden hier Milliarden schwere Deals vereinbart und die Weltpolitik beeinflusst. In einer der Logen glaubte ich, Helen Mankiewski zu sehen, die Außenministerin von Kanada.
Ich schaute mich im Saal um, um vertraute Gesichter von der Presse zu entdecken. Ich sah Pierre Gallagher, den Redakteur der Daily News. Er war um die fünfzig und weißhaarig. Er trug eine moderne Brille und einen Pullover unter dem Jackett. Er wirkte gelangweilt, als er die Anwesenden studierte, als hätte er schon viel zu viele solcher Events mitgemacht. Ich überlegte einen Moment, ob ich ihn belästigen sollte. Dann entschied ich mich dafür, ihn wenigstens zu begrüßen. Er kannte mich zwar nicht, aber das konnte man ja ändern. Ich wollte einfach nur Hallo sagen, von Kollegin zu Kollege. Doch er beachtete mich nicht. Als ich bei ihm ankam, hatte er gerade jemanden entdeckt, der seine Aufmerksamkeit erregte. Er ging an mir vorbei, ohne mich anzusehen, und steuerte auf einen großen, wohlbeleibten Mann zu, an dessen Seite eine blonde Zwanzigjährige stand. Ich hatte keine Ahnung, wer der Dicke war, vermutlich jemand Wichtiges. Die Blonde kicherte, als Gallagher etwas zu ihr sagte. Auch sie konnte ich nicht einordnen. Ich musste offenbar noch viel lernen.
Ich seufzte kaum hörbar und sah mich weiter um. Ich wollte nach Susan Atkins Ausschau halten, um mich für die New York Times zu empfehlen. Zunächst entdeckte ich jedoch Emma Doolittle, ein berühmtes New Yorker Model, außerdem Craig Philipps, den Schauspieler, und dessen Freundin Paulette, eine bekannte Sängerin. Schließlich fand ich Susan Atkins neben der Bühne. Sie stand neben einem hageren älteren Mann und beobachtete die Tanzenden, während sie an einem Hühnerbein nagte.
Ich richtete mich auf und nahm die Schultern zurück, um selbstbewusster zu wirken. Danach legte ich ein freundliches Lächeln auf und ging auf die Chefredakteurin der Times zu.
»Mrs. Atkins, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend. Ich hoffe, ich störe Sie nicht«, sagte ich und gab mir Mühe, nicht unsicher zu klingen.
»Ich esse gerade ein leicht versalzenes Hühnerbein, falls Sie das nicht stört, kann ich damit leben, dass Sie mich ansprechen.« Sie musterte mich kurz, dann sah sie wieder auf das Hühnchen, von dem bald nur noch der Knochen übrig war.
»Danke, das ist nett. Nein, mich stört es nicht.« Nun klang ich doch unsicher. Und verlegen.
»Was wollen Sie denn von mir?«, fragte sie mit vollem Mund. »Sie sind doch bestimmt nicht hier, um mir beim Essen zuzusehen?«
»Nein, ganz sicher nicht. Ich wollte mich vorstellen.« Nervös reichte ich ihr die Hand, zog sie jedoch zurück, weil mir bewusst wurde, dass sie das Hühnerbein hielt und mir deshalb nicht die Hand geben konnte. »Mein Name ist Cassidy Evans. Ich habe Journalistik studiert und möchte mich bei der New York Times für ein Praktikum bewerben. Ich möchte Sie bitten, mir ein paar Tipps zu geben, wie es klappen könnte.« Ich traute mich nicht, sie direkt zu fragen, ob sie mich unterbringen könne. So selbstbewusst war ich leider doch nicht.
Sie zog die Augenbrauen nach oben, dann legte sie den abgenagte Hühnerknochen auf den Teller und putzte sich die Hände an einer Serviette ab, die ihr der hagere Mann reichte.
»Bei wie vielen Zeitungen haben Sie schon geschrieben?«
»Ich habe die Schülerzeitung geleitet und später einmal im Monat für die Carrington Post berichtet--«
»Ich meine richtige Zeitungen«, unterbrach sie mich.
»Ich arbeite in der PR-Abteilung einer Online-Firma als Pressereferentin, so dass meine Artikel öfter in Frauenzeitschriften erscheinen. Und ich habe für die Gotham einen Artikel verfasst, der--«
»Cassidy, ich finde es sehr nett, dass Sie für die New York Times arbeiten wollen. Damit gehören Sie zu den mehreren tausend, die sich jährlich bei uns für ein Praktikum bewerben. Einige der Bewerber haben bei großen, wichtigen Zeitungen wie dem Chronicle oder US Daily ihre ersten Sporen verdient, und trotzdem werden sie abgelehnt. Uns stehen jedes Jahr drei freie Praktikumsstellen in der Redaktion zur Verfügung, und das bei über tausend Bewerbern. Sie können sich sicherlich ausrechnen, dass Ihre Qualifikationen nicht ganz ausreichend sind, um in die engere Wahl genommen zu werden. Dass jemand wie Sie ohne größere Erfahrungen bei einer so großen Zeitung landet, ist ausgeschlossen. Ich hoffe, ich trete Ihnen nicht zu nahe, wenn ich Ihnen das sage. Aber Sie wirken etwas naiv und gutgläubig. Ein wenig wie ein Kaninchen, das in die Schlangengrube hoppelt und nach einem Job als Schlangentrainer fragt. Das sind keine guten Voraussetzungen für den Job einer knallharten Journalistin. Versuchen Sie es bei anderen Zeitungen, vielleicht lieber in Carrington oder einer anderen kleinen Stadt. Bei der New York Times hat ein Mädchen wie Sie nichts verloren.«
Ich spürte, dass ich mit jedem Wort von ihr mehr zusammensackte. Das Blut schoss in mein Gesicht. Ich lief knallrot an. »Der Markt ist sehr hart geworden, es gibt zu viele Journalisten«, murmelte ich kleinlaut, um das Gesicht zu wahren.
»Das ist tatsächlich ein Problem, weltweit. Weil das Internet den Zeitungen den Rang abläuft, wird gekürzt und werden Stellen gestrichen. Die arbeitslosen Kollegen wollen nicht auf der Straße stehen und versuchen es bei anderen Zeitungen oder als Freie. Jedes Jahr kommen neue Bewerber von den Universitäten dazu, und das bei sinkenden Stellenzahlen. Ich möchte nicht noch einmal an Ihrer Stelle sein und mit dem Job beginnen. Und erst recht nicht aus der Provinz stammen. In New York weht ein anderer Wind. Wollen Sie meinen Rat? Seien Sie froh, dass Sie sich hier nicht mit den gewaltigen Egos der New Yorker herumärgern müssen. Gehen Sie zurück nach Hause. Carrington haben Sie gesagt? Gehen Sie zurück nach Carrington und arbeiten Sie dort. Es wird Sie auf Dauer glücklicher machen.«
Ich ließ die Schultern vollends hängen. »Es ist aber mein Traum, für die New York Times zu arbeiten. Das ist die einzige Zeitung, für die ich wirklich Respekt habe.«
Sie lächelte bedauernd. Ein Stückchen Hühnchenfleisch klebte in ihrem Mundwinkel. »Es tut mir leid, ich kann Ihnen nichts anderes sagen.«
»Danke, für Ihre Zeit, Mrs. Atkins.«
»Viel Erfolg, Miss ...« Sie zögerte einen Moment, als würde sie nach meinem Namen suchen, aber ihn nicht finden.
»Evans«, half ich ihr.
»Miss Evans, schönen Abend noch.« Sie wandte sich ab und ging mit dem Hageren, der mich unverbindlich anlächelte, auf die andere Seite des Saales zum Büffet. Das war’s. Näher würde ich der New York Times erstmal nicht kommen. Es sah schlecht aus, ganz schlecht. Ich hatte gehofft, dass ich Glück haben und der Erfüllung meines Traumes heute einen Schritt näher kommen würde. Aber das war wohl ein Trugschluss gewesen. Dann würde ich eben umso eifriger meinem Job bei »Sweet Passion« nachgehen müssen. Deshalb war ich ja heute eigentlich hergekommen. Pressearbeit. Enttäuscht griff ich nach einem Glas Sekt, das ein Kellner auf einem Tablett gerade an mir vorbeitrug.
»Miss Evans, würden Sie mir bitte folgen?«, sagte auf einmal eine Männerstimme hinter mir.
Ich drehte mich um und bemerkte den Mann mit der blauen Krawatte, der mir vorhin aufgefallen war. Er sah mich auffordernd an und hatte seine rechte Hand leicht ausgestreckt, um zur Tür zu weisen.
»Wohin?«
»Jemand möchte Sie sprechen.«
»Wer?«
»Das wird er Ihnen selbst erklären.«
Ich zögerte einen Moment. Das war seltsam. Wer wollte mich sprechen? Und weshalb?
»Worum geht es?«
»Auch das wird er Ihnen selbst erzählen.«
»Können Sie mir nicht einfach einen kleinen Hinweis geben? Ich kann doch nicht einfach einem wildfremden Mann folgen, der mich zu einem noch fremderen Mann bringen will!«
»Er hat gesagt, ich soll Ihnen mitteilen, Sie würden von ihm das bekommen, was Sie sich am meisten wünschen.«
Ich stutzte. »Was soll das sein?«
Er zuckte mit den Schultern. »Das hat er mir nicht gesagt. Er meinte, Sie wüssten schon, was gemeint ist.«
Ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Und woher der andere glaubte, zu wissen, was ich mir wünschte. »Das klingt sehr dubios«, sagte ich. »Ich denke, ich werde nicht zu ihm gehen. Wenn er mit mir sprechen möchte, soll er zu mir kommen.«
»Das geht nicht, Miss Evans. Er kann leider nicht zu Ihnen kommen. Bitte folgen Sie mir.«
Ich zögerte immer noch. Was sollte das?
»Ich bin hier um zu arbeiten«, widersprach ich. »Meine Firma hat mir eine Einladung geschickt, damit ich Pressearbeit für sie leiste. Ich muss jetzt arbeiten, da kann ich nicht einfach zu fremden Männern gehen.«
»Die Einladung stammt nicht von Ihrer Firma, sondern von dem Mann, der Sie sprechen möchte. Er bittet Sie, zu ihm zu kommen, deshalb sind Sie hier. Bitte folgen Sie mir.«
Für einen Moment blieb mir die Spucke weg. Dann hatte mir also meine Firma gar nicht die Einladung geschickt? Das würde erklären, wieso mein Chef und meine Kollegen nichts darüber gesagt hatten. Sie wussten gar nichts davon. Aber wer war der Mann, der sie mir wirklich geschickt hatte? Und weshalb wollte er mich so unbedingt sprechen? Ich spürte, wie die Neugier in mir die Oberhand über die Vorsicht gewann.
»Okay. Aber nur kurz.«
Ich stellte das Glas Sekt auf das Tablett eines anderen Kellners und folgte dem Mann mit der blauen Krawatte durch eine schmale Tür, die zu einem kleinen Flur führte. Der wiederum brachte uns zu einem Fahrstuhl in der Nähe der Treppen. Wir fuhren in den vierzigsten Stock, wo er mich aussteigen ließ.
»Es tut mir leid, Miss Evans, aber ich muss Ihnen die Augen verbinden«, sagte er und zog ein schwarzes Tuch aus seiner Jackentasche.
Ich lachte auf. »Was soll das denn? Das wird ja immer geheimnisvoller! Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich das mitmache!«
»Ich bitte um Entschuldigung, aber ich habe strikte Anweisungen. Er möchte anonym bleiben, deshalb bittet er Sie, die Augenbinde in Kauf zu nehmen.«
»Was soll das? Steckt die Mafia dahinter? Ist er der Präsident? Wieso das ganze Theater?«
»Bitte respektieren Sie seinen Wunsch auf Anonymität, Miss Evans.«
Ich zögerte noch einen Augenblick, dann gab ich auf. »In Ordnung, wenn es sein muss.«
Er legte die Augenbinde an, dann führte er mich an der Hand den Gang entlang, bis er vor einem Zimmer hielt. Ich fühlte mich unbeholfen, weil ich ohne Augenlicht über den Teppich stakste. Ich versuchte, durch den schmalen Schlitz unter der Augenbinde hindurch zu schielen, aber ich konnte nichts erkennen.
Er klopfte an einer Tür in einem bestimmten Rhythmus, das war wohl das Erkennungszeichen. Ich kam mir vor wie in einem Spionagefilm. Angela wäre begeistert und würde das Szenario gleich für ihr nächstes Drehbuch verwenden. Ich konnte der Sache allerdings wenig abgewinnen. In meinem Magen grummelte es nervös.
Die Tür öffnete sich, und ich wurde schweigend in das Zimmer geführt. Meine Absätze versanken in dem weichen Teppich. Die Klimaanlage lief und blies kühle Luft an meine Beine.
Jemand schob mich sanft auf einen Stuhl. Für einen kurzen Augenblick fürchtete ich, jetzt würde mir jemand Fesseln anlegen, aber nichts dergleichen geschah. Ich vernahm Schritte, dann klapperte die Tür erneut. Danach war es still.
»Danke, dass Sie gekommen sind, Miss Evans«, sagte eine Stimme. Sie klang männlich und dunkel. Ein Lächeln lag in der Stimme. Und Selbstbewusstsein.
Der Unbekannte klang sexy.
»Wer sind Sie?«
»Es ist besser für Sie und für mich, wenn Sie meinen Namen nicht erfahren.«
»Was wollen Sie von mir?«
Er lachte leise. Das Lachen wirkte jung, jünger als die Sprechstimme. Seiner Stimme nach würde ich ihn auf Mitte dreißig schätzen, seinem Lachen nach Ende zwanzig. Das Lachen klang ebenfalls sexy. Verführerisch. Die Nervosität in meinem Magen legte sich und wurde durch etwas anderes überlagert. Ich fühlte mich wie in Alarmbereitschaft. Jeder Sinn, mit Ausnahme des Sehsinns, war geschärft, als würde ich meine Umgebung besonders klar und deutlich wahrnehmen. Als würden meine restlichen Sinne die Arbeit der Augen übernehmen und so viel wie möglich über den Raum und den Fremden herausfinden wollen. Ich vernahm ein Knacksen, das möglicherweise von der Klimaanlage kam. Draußen grummelte ein Helikopter über der Stadt.
»Sie wirken empört, Miss Evans«, sagte er. »Das ist Ihr gutes Recht. Ich habe Sie einfach von dem Ball wegführen lassen, und Sie wissen zudem nichts von mir, über mich oder warum Sie hier sind. Ich entschuldige mich dafür, aber wenn Sie das bekommen möchten, was Sie sich wünschen, müssen Sie mein Arrangement hinnehmen.«
»Was denken Sie denn, was ich mir wünsche?« Ich klang zickiger, als ich beabsichtigt hatte, denn die Heimlichtuerei irritierte mich. Und die Stimme des Fremden machte mich unruhig. Ich hatte das Gefühl, als würde sie in mir etwas zum Klingen bringen.
»Sie möchten eine Story, die Sie in die New York Times bringt«, sagte er ruhig.
Ich hielt den Atem an. Woher wusste er das? »Wie kommen Sie darauf?«
»Ich habe Kontakte, Miss Evans. Ich kenne viele Menschen. Auch wenn New York eine Millionenmetropole ist, man trifft sich dennoch immer wieder und spricht miteinander.«
»Ich hatte keine Ahnung, dass ich so bekannt bin.«
Ich hörte das Rascheln seines Anzugs. Dann wehte ein feiner Duft in meine Nase. Er roch gut.
»Sie stammen aus Carrington in fernen Westen Pennsylvanias und leben seit zwei Jahren in New York. Sie arbeiten bei Sweet Passion, einem Internetportal zur Partnervermittlung, als Redakteurin für Public Relations. Sie sind fünfundzwanzig Jahre alt und nicht verheiratet. Und Sie möchten Journalistin werden, am liebsten für die New York Times.«
Mir klappte die Kinnlade herunter. Woher wusste er das? Wieso interessierte er sich für mich? »Wer sind Sie? Woher wissen Sie das?«
»Das genau sind die beiden Fragen, die ich Ihnen nicht beantworten kann.«
»Was noch? Was wissen Sie noch über mich?«
»Dass Sie New York genauso lieben wie ich, und dass Sie Gerechtigkeit wollen. Ebenfalls genau wie ich. Sie wollen Ihren Beruf nicht ausüben, um sich in den Mittelpunkt zu rücken, sondern um etwas zu bewirken. Das bewundere ich an Ihnen.«
»Können Sie mir wenigstens sagen, warum Sie mich ausgewählt und hierher gebeten haben? Es gibt mit Sicherheit noch mehr Journalisten, die etwas bewirken wollen und hungrig nach einer Story sind.«
»Weil ich mir bei Ihnen sicher sein kann, dass Sie nicht mit drinhängen.« Das Lächeln in seiner Stimme war plötzlich verschwunden. Er klang ernst.
Ich merkte, dass ich eine Gänsehaut bekam. Die zeigte sich immer, wenn ich spürte, dass etwas Wichtiges geschehen würde. Das hier schien wichtig zu sein.
»Wo hänge ich nicht mit drin?«
»In der Sache, die ich Ihnen erzählen möchte.«
»Ich kann mir aber keine Notizen machen, wenn Sie berichten.« Ich dachte, das wäre ein schlagendes Argument, mich von der Augenbinde zu befreien.
»Ich weiß, Miss Evans. Deshalb werde ich Ihnen nur so viel erzählen, wie Sie sich merken können.«
Offenbar nicht schlagend genug. Ich verzog den Mund. »Das ist doch mühsam. Ich habe nicht so viel Zeit, um ständig zu irgendwelchen geheimen Treffen mit Ihnen zu kommen.«
»Das ist schade. Ich habe nämlich nichts gegen geheime Treffen mit Ihnen. Oder ist Ihnen Ihr Job bei der Partnervermittlung doch wichtiger, als ich dachte, so dass Sie eine Gelegenheit für eine Story ausschlagen?«
Ich spürte, dass ich errötete. »Die Kollegen verlassen sich auf mich. Es ist ein ordentlicher Job. Ich schreibe täglich Pressemeldungen und Artikel über die Partnersuche, die von vielen Menschen gelesen werden.«
»Ich weiß. Ich kenne jeden davon.«
»Sind Sie von der NSA? CIA? FBI?«
Er lachte. »Nein, ganz bestimmt nicht. Ich bin ein besorgter Bürger, der nicht möchte, dass Menschen in den Ruin getrieben werden. Und der Ihnen die Chance für den großen Durchbruch bieten möchte.«
»Wer wird in den Ruin getrieben?«
»Sie haben sicherlich den Artikel über Lester Paul gelesen? Der Mann, der drei Millionen hinterzogen haben soll.« Er war wieder ernst geworden.
»Ja, habe ich. So einen Betrug hätte ihm niemand zugetraut. Lester Paul galt immer als Vorzeigemanager.«
»Das ist er auch immer noch. Er ist unschuldig. Er wurde reingelegt. Glauben Sie mir das?«
Ich schwieg einen Moment. Die Beweise hatten eindeutig gegen Paul gesprochen. Er hatte die Millionen aus der Firmenkasse genommen, auf ein Off-Shore-Konto überwiesen und dann über Umwege auf sein Privatkonto fließen lassen. Es ließ sich alles nachvollziehen, die Banken hatten die Beweise schon vorgelegt.
»Er wurde anhand der entsprechenden Kontoauszüge überführt«, sagte ich.
»Ich weiß. Bemühen Sie bitte Ihre Fantasie, Miss Evans. So etwas lässt sich heutzutage sehr einfach fälschen. Ein guter Hacker kann sogar Ihr Konto so aussehen lassen, als wären Sie eine Drogenbaronin.«
Er hatte Recht. Und wenn Lester Paul wirklich reingelegt wurde, wäre das tatsächlich eine Story, die mich auf das Titelblatt der Times bringen würde. »Gesetzt den Fall, Sie haben Recht: Wer steckt dahinter?«
Er lachte leise. Es klang traurig. »Das kann ich Ihnen leider nicht so einfach sagen. Um ganz ehrlich zu sein, ist es zu gefährlich. Sie sind mir zu wertvoll, ich möchte Sie nicht gefährden. Und da wäre noch etwas, Miss Evans.« Er zögerte einen Augenblick, bevor er weitersprach. »Meine Information ist nicht umsonst. Im Gegenzug möchte ich etwas von Ihnen haben.«
Jetzt kam es. Mein Herz begann zu klopfen. Was wollte er von mir? »Was soll das sein?«
»Ein Geheimnis von Ihnen.«
Verständnislos schüttelte ich den Kopf. »Ist das ein Scherz?«
»Nein, ist es nicht. Für jede Information, die ich Ihnen gebe, möchte ich ein Geheimnis über Sie wissen.« Er hatte sich zu mir gebeugt, sein Mund war nah an meinem Ohr. »Sie verzaubern mich, Miss Evans. Verraten Sie mir ein Geheimnis über sich, damit ich Ruhe finden kann.« Seine Stimme strich wie Samt über meine Haut. Sie jagte ein Gefühl durch meinen Körper, das an Millionen feiner Nadelstiche erinnerte.
Abrupt richtete ich mich auf. »Sie sind verrückt. Ich mache das nicht mit.« Ich riss mir die Augenbinde vom Kopf, sah jedoch nichts. Es war dunkel in dem Zimmer, stockfinster. Die Vorhänge waren zugezogen, nicht einmal unter der Tür kam ein schmaler Lichtschein hindurch.
»Sie enttäuschen mich, Miss Evans«, sagte der Fremde vor mir. Seine Stimme klang weiter entfernt und tatsächlich ernüchtert. Ich konnte ihn nicht sehen, nur ganz schwach seine Umrisse wahrnehmen. Er schien groß und kräftig zu sein. Mehr konnte ich beim besten Willen nicht erkennen.
»Ich kann nicht einfach einem Unbekannten glauben und von ihm Informationen annehmen. Und ihm dann auch noch meine Geheimnisse mitteilen. Was, wenn Sie mir eine Falle stellen?«
»Das tue ich nicht. Sie müssen sich mit meinem Wort zufriedenstellen. Als Journalistin müssen Ihre Quellen schützen. Ich nehme Ihnen diese Arbeit ab, für den Fall, jemand erwischt Sie bei der Recherche und hat etwas gegen Ihren Artikel einzuwenden. Damit kommen Sie gar nicht erst in die Verlegenheit, Ihre Quelle verraten zu müssen. Je weniger Sie wissen, desto sicherer sind Sie.«
»Und Sie?«
»Ich bin auch geschützt. Aber ich möchte Sie nicht dazu zwingen. Sie können gehen, wenn Sie wollen.«
Ich stand unschlüssig in der Dunkelheit. Sollte ich mich wirklich auf diese Sache einlassen? Die Story, wenn sie denn wahr wäre, wäre eine Sensation. Aber woher wusste ich, dass er mich nicht aufs Glatteis führte? Und wieso wollte er ein Geheimnis von mir wissen? Als Absicherung? Dann stimmte es vielleicht wirklich, was er mir gesagt hatte.
Doch er machte mich nervös. Seine resignierte, ernüchterte Stimme irritierte mich am meisten. Soeben hatte er geklungen, als hätte ich ihn enttäuscht. Das wollte ich nicht. Etwas in mir sträubte sich, ihn zu verärgern.
»Okay. Ich mache mit.« Ich setzte mich wieder. Ich versuchte, mir die Augenbinde aufzusetzen, aber er nahm sie aus meiner Hand und band sie mir um. Ich konnte seine starke Präsenz neben mir spüren. Seine Hände rochen genauso gut wie er. Angenehm, männlich und würzig. Ein teures Aftershave oder Parfüm, eine exotische Mischung aus verführerischen Noten, die zu einer perfekten Harmonie vermischt worden waren. Die Männer in meiner Heimat Carrington in Pennsylvania rochen nach Stall und Schweiß. Wenn sie ausgingen und Parfüm benutzen wollten, nahmen sie eins aus dem Supermarktregal. Es roch billig und ließ nach zwei Stunden bereits nach. Die Studenten an der Uni hatten oft nach den Parfüms ihrer Väter gerochen, oder nach dem Zeug, das ihnen die Tante oder die Freundin geschenkt hatte. Es passte meistens nicht zu ihnen und war viel zu aufdringlich. Der Fremde hier roch, als wäre es sein natürlicher Duft. Sogar die Haut seiner Hände strömte zart den würzigen Geruch aus, der zu seiner samtigen Stimme passte. Als er vortrat, um sich zu meinem Kopf zu beugen und den Knoten zu knüpfen, konnte ich das Rascheln seines Anzugs hören. Er klang nach Seide. Auch teuer. Offenbar besaß der Mann viel Geld.
»Wie soll ich Sie nennen?«, fragte ich.
»Sagen Sie einfach Adam zu mir.« Sein Atem strich heiß über meine Haut, so dass sich mein Herzschlag erneut beschleunigte.
»Adam, der erste Mann in der Bibel.« Ich gab mir Mühe, meine Stimme ganz normal und ungerührt klingen zu lassen, um ihm nicht zu zeigen, wie sehr mich seine Nähe irritierte.
»Der Mann, der aus dem Paradies verstoßen wurde«, sagte er mit einem Lächeln in der Stimme. Sein Atem wärmte meinen Nacken und bewegte die feinen Härchen an meinem Hals. Ein feines Prickeln lief über meine Haut.
Er hatte die Augenbinde an meinem Hinterkopf festgemacht. Als er seine Hand zurückzog, berührte sie ganz zart und wie zufällig meine Wange. Ein kribbelnder Stromschlag durchfuhr meinen Körper bei dem Kontakt. Ich schluckte, denn mein Mund war trocken geworden.
Die Berührung seiner Hand brannte auf meiner Wange wie ein Tropfen von heißem Kerzenwachs. Die Hand war warm, sanft und weich. Sie gehörte zu keinem Mann, der schwer arbeitete. Adam saß mit Sicherheit in einer führenden Position in einem Unternehmen.
»Also, Miss Evans, was ist Ihr Geheimnis?«, fragte er. Er wirkte immer noch nah. Sein Duft streichelte sanft meine Nase.
Ich schüttelte kräftig den Kopf, als könnte ich damit das verwirrende Gefühl seiner Nähe abschütteln. »Ich habe keine Geheimnisse.«
»Das glaube ich Ihnen nicht. Jeder Mensch hat Geheimnisse. Sie auch.«
Ich überlegte, was ich ihm sagen könnte, es fiel mir jedoch schwer, mich zu konzentrieren. Seine Berührung hatte mich gänzlich aus dem Konzept gebracht. »Ich … ich erzähle meinen Eltern nicht, dass ich bei Sweet Passion arbeite, der Webseite für Partnervermittlung«, gab ich schließlich zu. »Ich erzähle ihnen, ich schreibe für mehrere Zeitungen in New York. Mom und Dad wären sicherlich enttäuscht, dass ich meinen Traum noch nicht erfüllt habe. Mein Vater musste das Haus mit einer Hypothek belasten, damit ich studieren konnte. Ich hoffe, ich kann es ihnen eines Tages zurückzahlen.«
»Sie haben sich ausgerechnet einen Beruf gesucht, der immer tiefer in die Krise rutscht. Blogger laufen den Journalisten den Rang ab und die Zeitungen sterben.«
»Ich weiß«, seufzte ich. »Aber ich denke, guter Journalismus wird trotzdem benötigt.«
»Unabhängige und unbeugsame Journalisten.« Ich hörte ein Lächeln in seiner Stimme. Ich hatte auf einmal das Gefühl, als wüsste er genau, wie es mir ging. Als würde er mich verstehen und meine Probleme ernstnehmen. Doch ich schob diesen Gedanken schnell beiseite. Ich interpretierte viel zu viel in seine Stimme. Sie war das Einzige, was ich hatte. Ich konnte sein Gesicht nicht lesen, das wichtigste in der Kommunikation zwischen Menschen. Mehr als die Hälfte aller Signale bei einem Gespräch zwischen Menschen wird von der Körpersprache ausgesendet, der Rest läuft über die Stimme und die gesprochenen Worte. Mir fehlte also die wichtigste Komponente, um ihn verstehen zu können. Der Rest blieb meiner Imagination überlassen.
»Sagen Sie mir bitte, was Sie über Lester Paul wissen.«
Sein Anzug raschelte. »Er ist ein ehrlicher Mann, der auf einen falschen Freund gehört hat«, sagte er, etwas weiter entfernt von mir. Sein Duft verflüchtigte sich. »Ich kann Ihnen den Namen des falschen Freundes jedoch nicht geben. Den müssen Sie selbst finden.«
Ich wartete auf mehr. Mein Herz klopfte. Aus irgendeinem Grund hoffte ich, er würde sich wieder zu mir beugen und etwas in mein Ohr flüstern. Ich sehnte mich danach, dass sein Atem wieder über meine Haut strich und dieses feine Prickeln bei mir auslöste. Aber er hielt Abstand und erklärte auch nichts weiter.
»Das ist alles? Das ist die große Story, die Sie mir sagen wollen?« Ich war enttäuscht.
»Mehr kann ich Ihnen momentan nicht verraten, Miss Evans. Es tut mir leid.«
Ernüchtert blieb ich einen Moment sitzen, dann stand ich auf. »Damit kann ich gar nichts anfangen.«
»Doch, das können Sie. Wenn Sie auf das Titelblatt der New York Times wollen, finden Sie die Verbindungen. Sie müssen sich nur ein kleines bisschen anstrengen.«
»Sie sind ein Aufschneider, Adam«, sagte ich, wobei ich mir Mühe gab, mir den wahren Grund für meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Ich versuchte, kühl zu wirken. »Für diese unbedeutende Information habe ich Ihnen mein Geheimnis verraten? Sie haben mich an der Nase herumgeführt.«
»Es tut mir leid, wenn Sie das denken, aber mehr kann ich wirklich nicht tun.« Seine Stimme klang bedauernd. »Sie müssen Ihre Quelle schützen, und ich möchte Sie beschützen.«
Hatte er auch einen Stromschlag gespürt wie ich? Vermutlich nicht.
»Dann ist unser Arrangement null und nichtig.« Ich musste die Sache hier beenden, bevor dieser Fremde mich noch mehr verwirren konnte und ich mich lächerlich machte. Ich nahm die Augenbinde ab und starrte in die Dunkelheit. Aber ich konnte ihn nicht sehen.
»Wenn Sie es sich anders überlegen, rufen Sie mich an«, sagte er einen Schritt neben mir und drückte mir eine Karte in die Hand. Wieder durchfuhr mich ein Stromschlag bei seiner Berührung. Ich ärgerte mich darüber und presste pikiert meine Lippen aufeinander. Wieso hatte ich die Reaktionen meines Körpers nicht im Griff? Dann nahm ich die Visitenkarte und steckte sie ein, obwohl ich der festen Überzeugung war, niemals Kontakt zu »Adam« aufzunehmen. Ich würde mich nicht noch einmal mit ihm treffen und von ihm veralbern lassen.
»Einen schönen Abend noch, Miss Evans«, sagte er. »Danke, dass Sie gekommen sind und ich Sie sehen durfte. Noch viel Vergnügen beim Ball.«
Ich wandte mich ab und suchte einen Hinweis darauf, wo sich die Tür befand. Glücklicherweise hatten sich meine Augen inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, und ich konnte einen schmalen Streifen Licht erkennen, der unter der Tür durchkroch. Vorsichtig ging ich darauf zu.
Ich warf einen Blick zurück ins Zimmer, wo ich seine Silhouette in der Dunkelheit wahrnahm.
»Bye, Miss Evans«, sagte er. Ich glaubte, ein Lächeln in seiner Stimme zu hören.
»Bye, Adam«, erwiderte ich. Dann öffnete ich die Tür und ging hinaus.
Ich lief zum Fahrstuhl und fuhr hinunter in den dritten Stock. Dabei sah ich auf die Visitenkarte. Sie stammte von diesem Hotel, es war nicht seine persönliche. Er hatte lediglich eine Handynummer darauf geschrieben, mit fein säuberlichen Zahlen.
Ich war drauf und dran, sie zu zerknüllen und wegzuwerfen, doch etwas in mir hielt mich zurück. Ich steckte sie ein. Dann lief ich zurück in den Großen Ballsaal. Mir war die Lust an der Veranstaltung jedoch vergangen. Ich schlenderte eine Weile lustlos durch den Saal und flanierte zwischen den hochrangigen und prominenten Gästen hindurch, später aß ich etwas vom Büffet. Ich konnte jedoch die ganze Zeit das seltsame Treffen mit Adam nicht vergessen. Es hatte mich aufgewühlt und völlig durcheinander gebracht. Wer war er wirklich? Und woher kannte er mich? Wie war er auf mich gestoßen? War er vielleicht ein Kunde bei der Webseite? Und wieso warfen mich seine Stimme und seine Berührungen so aus der Bahn?
Ich nahm endlich ein Glas Champagner von einem Tablett, das einer der Kellner durch den Saal trug, und trank es aus. Dann verließ ich den Ball und fuhr nach Hause.
 

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