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Klappe: Die Vierzigste und LETZTE

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Was bisher geschah: Andy benachrichtigt die Sylter Polizei von ihrer Entdeckung. Allerdings möchte die Sylter Polizei Andy jetzt keinesfalls alleine mit dem Bus nach List fahren lassen. Also bekommt sie einen Polizisten zum Schutz an die Seite gestellt, der sie erst einmal bei ihren Einkäufen begleitet.

Klappe, die Vierzigste: Sylt

Als Andy und Pete an der Kasse des Sky-Marktes standen, war Rafael bereits auf dem Weg. Der Gesichtsausdruck dieser gut aussehenden Frau hatte Bände gesprochen und ihr entsetzter Blick galt definitiv nicht seinen Narben, soviel war ihm klar.

„Godverdomme!“, flüsterte Rafael, als er den Markt durch den Hinterausgang verließ und vorsichtig um die Ecke über den Parkplatz blickte. Woher kennt die mich? Er durchforstete jeden Winkel seines Gedächtnisses, konnte sich aber nicht an dieses Gesicht erinnern und er hätte solch eine Schönheit mit Sicherheit gespeichert.

Mit dem Handy am Ohr und dem Hut tief ins Gesicht gezogen marschierte er Richtung Bahnhof. „Dirk? Gut, dass ich dich erwische. Wir müssen die OP vorziehen! Wie, das geht nicht? Dann mach es gehend! Und zwar sofort, du weißt was für mich auf dem Spiel steht und auch für dich. Ich bin auf dem Weg zur Klinik und checke wie besprochen unter meinem schwedischen Namen ein. Bis nachher!“ Mit fliegenden Fingern riss er die Tasche aus dem Schließfach, blickte sich suchend um und verschwand in der Herrentoilette. Der Hut wanderte zusammengefaltet in die äußere Seitentasche, die Maske zog Rafael vorsichtig aus der Hülle und über das Gesicht. Damit der Rand der Maske nicht zu sehen war, band er ein Tuch um den Kopf und sah damit aus wie ein Strandsurfer. Er fischte die bequeme kurze Jeans und ein buntes Hemd aus der Tasche, steckte dafür den sorgfältig gefalteten Anzug hinein und verließ den Bahnhof wie ein soeben eingetroffener Tourist, der sich auf Sylt die Beine bräunen wollte.

Wie gut, dass er seinen Perfektionismus nie abgelegt hatte. Rafael blickte sich aufmerksam um, bevor er in die St. Nicolai-Straße einbog. Schon seit langem prüfte er regelmäßig seine Unterlagen mit den verschiedenen Fluchtmöglichkeiten. Die meisten Fluchtversuche scheiterten an mangelhafter Vorbereitung und nicht mehr gültigen Tickets oder Papieren. So etwas würde ihm nicht passieren, das war mal sicher! Bei dem Gedanken musste Rafael trotz der Gefahr grinsen. Die Polizei war zum Glück immer einen Schritt hinterher gewesen. Aber jetzt wurde es in der Tat eng! Die Sache mit dem schwedischen Pass würde ihm jetzt vielleicht das Leben retten, beziehungsweise ihn vor schwedischen Gardinen bewahren. Aber schwedisch musste es sein, nicht nur die Namen gefielen ihm so gut. Sören Olsson, so würde er von nun an heißen! Ein schöner Name, den es sicherlich tausendfach gab, dort oben in Schweden.

Nachdem er die Maybachstraße überquert hatte, warf er einen Blick auf sein Handy. Der angegebenen Wegbeschreibung würde er nicht folgen, sondern die weniger frequentierten kleineren Nebenstraßen nehmen. Die kurze Strecke bis zur Sylter Welle und der Klinik würde er in Nullkommanichts schaffen und dort zwischen den vielen Touristen nicht weiter auffallen. Dennoch durchzuckte ihn ein gewaltiger Schreck, als ein Auto an ihm vorbeisauste und Richtung Sky-Markt fuhr, das er eindeutig als Zivilfahrzeug der Polizei erkannte.

In Amsterdam hatten die Ermittler nichts weiter ausrichten können. Christian Krammlinde alias Rafael zu Bodlinski war ihnen entwischt und die von Hohenlofs mussten sie gehen lassen. Sie fuhren mit der Auflage nach Hause bei Kommissar Sauer vorstellig zu werden. Die Hamburger und Frankfurter Teams hatten Amsterdam unverrichteter Dinge wieder verlassen. In Hamburg saß Marlowe endlich Merve gegenüber und strahlte über das ganze Gesicht. Die beiden hatten gemeinsam zu Abend gegessen und waren nun in ein Gespräch vertieft; näherten sich einander an, erzählten sich ihre Geschichten und jeder konnte sehen, wie verliebt sie waren. Sauer wollte Marlowe über Rafael auf dem Laufenden halten. Allerdings gab es bis jetzt nichts Neues, er war und blieb verschwunden. Gerade als Marlowe zahlen wollte, klingelte sein Handy. Aufgeregt berichtete Sauer vom Anruf des Sylter Kollegen. Da es jetzt leider zu spät für Sylt war, denn die letzte Bahn fuhr wochentags um kurz nach zehn Uhr abends, würden sie morgen so früh wie möglich starten. Vielleicht könnten sie den Kollegen vor Ort helfen.

In der Sylter Klinik im Syltness Center Westerland ging Rafael schnurstracks zur Anmeldung, nannte seinen schwedischen Namen und bekam umgehend die Zimmernummer. Mit seinen perfekten Englischkenntnissen kam er gut zurecht und glücklicherweise sprachen hier wenige Menschen schwedisch. Die Dame am Empfang war jedenfalls froh, dass ihr Schulenglisch für die Informationen ausreichte. Sie hatte ihm eine Art Laufzettel gegeben, auf dem bereits ein erster Termin eingetragen war. In zehn Minuten sollte er zu einer Vorbesprechung bei Dr. Dirk Angermann sein. Rafael war beeindruckt, denn das lief ja wie am Schnürchen. Er beruhigte sich und hatte zum ersten Mal seit seiner Entdeckung im Markt wieder ein gutes Gefühl. Die Reisetasche und der Rucksack landeten im abschließbaren Schrank, Rafael steckte den Schrankschlüssel in die Hosentasche und zog die Zimmertür hinter sich zu.

Im ersten Stock traf er Dirk in dessen Arztzimmer und staunte nicht schlecht als er die eingerahmten Auszeichnungen sah. „Alle Achtung, du hast es ja weit gebracht.“

Unruhig rutschte Dirk Angermann auf seinem Stuhl nach vorne. Ihm war eindeutig nicht wohl bei der Sache und er wollte diesen Irren so schnell wie möglich loswerden. „Was um Himmelswillen hast du da im Gesicht?“

„Ach, nur ne läppische Maske. Das war mir gerade echt zu gefährlich, die hätten mich doch sofort erkannt.“ Vorsichtig zog Rafael die Maske vom Gesicht.

„Leg dich mal auf die Liege, ich möchte überprüfen was wir machen können. Alles mit Sicherheit nicht, dafür ist die Zeit zu knapp. Ich konnte nur einen kurzen Operationstermin freischaufeln.“ Als er Rafaels fragenden Blick und die hoch gezogenen Augenbrauen sah, setzte er schnell hinzu: „Aber sei beruhigt, man wird dich nicht mehr erkennen.“

„Das will ich auch hoffen, du kriegst ja genug Geld dafür!“

„Nun denn, die Narben links und rechts werden geglättet.“ Mit einem roten Stift zeichnete Dirk Angermann ein Oval um die beiden Narben. „An die Nase gehe ich nicht dran, das ist aufwendig und langwierig, dafür hast du keine Zeit. Die Augenbrauen werden buschiger, das verändert das Erscheinungsbild total und in den Haaransatz kannst du dir Geheimratsecken rasieren, so wie du es wolltest. Die Lippen aufzuspritzen ist kein Problem, die sind eh ein wenig schmal. Wenn du dir dann noch einen schmalen Schnauzer wachsen lässt und ne Nickelbrille aufsetzt, hält dich jeder für einen intellektuellen Journalisten oder so.“ Der Stift wanderte weiter über Rafaels Gesicht und hinterließ rote Spuren am Mund, den Narben und den Augenbrauen.

„Wer ist bei der Operation dabei, ich möchte nicht, dass sich jemand mein Gesicht merkt.“

„Meine Assistentin, die ist verschwiegen wie ein Grab. Wir operieren hier so manche bekannte Persönlichkeit, da ist Verschwiegenheit oberstes Gebot.“

Der Gedanke, diese Assistentin nach der Operation umzubringen und verschwinden zu lassen nahm in Rafaels Gehirn blitzschnell Gestalt an und er wurde zu Dr. Hyde. Ein gehässiges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Was hast du?“ Dirk Angermann kroch die nackte Angst den Rücken hinauf. Genauso hatte er diesen Typen bei Alumni kennengelernt: Dieser Ausdruck im Gesicht und kurze Zeit später gab es eine Leiche.

Rafael hustete und hatte sich ruckzuck wieder im Griff. Dr. Hyde verschwand und der nette Dr. Jekyll kam zum Vorschein. Auch diesen Gesichtsausdruck kannte Dirk Angermann, Rafael sah aus als wenn er kein Wässerchen trüben könne. Solch eine spontane Wesensveränderung erstaunte ihn immer wieder aufs Neue. Dieser Irre musste so schnell wie möglich aus seiner Klinik verschwinden. Deshalb würde er an ihm die neue Heilsalbe ausprobieren, die auf dem deutschen Markt noch nicht zugelassen war, in Amerika aber als ultimatives Wundermittel bei Gesichtsoperationen gehandelt wurde.

Währenddessen ging die Suche nach Christian Krammlinde alias Rafael zu Bodlinski in Westerland unvermindert weiter und wurde nach einer Stunde auf ganz Sylt ausgeweitet. Der zuständige Dienststellenleiter Robert Fries raufte sich die Haare, weil niemand diesen Kerl gesehen hatte. Weder im Sky-Markt noch sonst wo. Sie wussten nicht, ob er mit oder ohne Auto auf der Insel war. Sie wussten nicht welche Bleibe er sich gesucht hatte. Im Gästeverzeichnis war er jedenfalls nicht gemeldet, damit hatte aber auch niemand gerechnet. Fries und Jacobsen standen vor der großen Stellwand im Büro und blickten auf den Stadtplan von Westerland und die Inselkarte von Sylt.

„Vielleicht ist er schon wieder auf dem Festland“, meinte Anna Jacobsen. „Falls er Frau Bäumers starren Blick bemerkt hat ist er möglicherweise abgehauen und hat den nächsten Zug genommen. Der ist mittlerweile in Niebüll angekommen. Ich habe den Kollegen schon Bescheid gesagt, sie beobachten die Autos und Fußgänger beim Verlassen des Zuges.“

„Hm“, Robert Fries zwirbelte seinen Bart, „gut möglich. Morgen Vormittag kommen übrigens die Hamburger Kollegen, die sind ja um die Ecke und mächtig gespannt, ob sie ihn hier endlich schnappen können. Mal sehen, was die zu sagen haben. Ich meine“, Fries stellte den Becher Tee auf den Schreibtisch und drehte sich wieder zur Straßenkarte um. „Ich meine, was will oder wollte er hier bei uns. Bestimmt nicht das gute Wetter genießen. Warum ausgerechnet Sylt?“

„Irgendwas Wichtiges. Kein flüchtiger Killer flieht auf eine Insel mit nur zwei Zugängen zum Festland.“ Anna Jacobsen tippte mit dem Kugelschreiber gegen ihre Stirn. „Der ist doch nicht dumm, der weiß doch, dass er hier nicht so einfach wieder wegkommt.“

Nach der Operation wachte Rafael im Aufwachraum auf und wurde dann zu seinem Zimmer gebracht. Das Gesicht tat ihm höllisch weh, so dass er um eine weitere Schmerztablette bat. Noch eine Nacht musste er ausharren, dann siedelte er in Dirks Wohnung über. Er hoffte die Insel nach weiteren drei Tagen in einem Privatjet Richtung Schweden verlassen zu können.

Bei Einbruch der Dunkelheit wurde die Suche eingestellt und Fries und Jacobsen machten sich auf den Heimweg. Der Tag war anstrengend gewesen und der nächste würde gewiss nicht entspannter sein, also würde ein wenig Schlaf gut tun.

Am nächsten Tag trafen Sauer und Marlowe um halb zehn Uhr in Westerland ein und saßen mit Fries und Jacobsen im Büro. „Wir fragen uns seit gestern, was Rafael hier will“, sagte Fries und schenkte den Hamburgern heißen Kaffee ein.

Anna stand wieder vor dem Orts- und Inselplan. „Er ist nicht grundlos hier! Warum begibt er sich in solche Gefahr, warum auf einer Insel, von der man schlecht fliehen kann? Mit den Narben im Gesicht ist er doch leicht zu erkennen.“

Fries zuckte zusammen, sprang auf, packte seine Kollegin mit beiden Händen an den Schultern und schüttelte sie, dass ihre blonden Haare um den Kopf wirbelten.

„Hey, aufhören!“

„Ich weiß, was er will!“ Triumphierend blickte er in die Runde.

„Und wir müssen dir jetzt die Wahrheitswürmer aus der Nase ziehen, oder wie?“

Aufgeregt pappte Fries einen roten Magnet auf das Syltness Center.

Anna stieß einen lauten Pfiff aus und nickte mit dem Kopf. „Logo! Das leuchtet ein!“

„Kommt, wir fahren hin!“

„Wohin?“, fragten Sauer und Marlowe gleichzeitig.

„Zu ‚dem’ Sylter Schönheitschirurgen. Vielleicht will er Rafaels narbige Haut ein wenig glätten!“

Sauer und Marlowe hasteten hinter den beiden Syltern her, die bereits auf dem Weg zum Auto waren. Zu viert liefen sie zum Empfang der Klinik, legten beinahe gleichzeitig ihre Ausweise und ein Bild von Rafael vor. „War dieser Mann gestern oder heute hier?“

Die Empfangsdame betrachtete das Foto, zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf. „Solange ich hier sitze nicht, aber ich habe meinen Dienst heute erst begonnen.“

„Können wir dann ihre Kollegin sprechen?“

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Meine Kollegin ist nicht mehr im Hause.“

„Dann checken sie doch bitte zwei Namen“, sagte Fries. „Zum einen Rafael zu Bodlinski und zum zweiten Christian Krammlinde.“

Während sie die Namen eingab, schüttelte sie bereits den Kopf. „Gestern gab es eine ganze Menge Neuzugänge. Die beiden Namen sind nicht dabei.“

„Nun gut, wir müssen mit ihrer Kollegin sprechen. Wie können wir sie erreichen?“

„Weiß ich nicht. Ich bin ganz neu hier und kenne lediglich ihren Namen. Mehr weiß ich von ihr leider nicht.“

Das Gesicht von Robert Fries hatte im Laufe des Gesprächs immer mehr Farbe angenommen. Mittlerweile lagen seine Hände auf dem Tresen und es schien, als wolle er gleich rüber springen. Mit roten Flecken im Gesicht bemühte er sich, Ruhe zu bewahren.

„Jetzt hören sie mir mal genau zu! Irgendjemand gibt mir sofort den Namen, die Adresse und die Telefonnummern ihrer Kollegin! Außerdem will ich den Chef sprechen!“ Als die Frau nicht sofort reagierte, schlug Fries mit der flachen Hand auf den Tresen. „SOFORT!“

Gleich am frühen Morgen hatte Dirk Rafael durch den Hinterausgang zum Auto gebracht und sofort in seine Penthousewohnung gefahren. Niemand hatte sie bemerkt, weder in der Klinik, noch auf dem Weg nach Hause. Im Haus stellte er den Wagen in die Tiefgarage und sie fuhren mit dem Aufzug direkt in Dirks Wohnung. Rafael sah aus wie ein Gespenst, sein bandagiertes Gesicht erinnerte ihn an Dr. Frankensteins Geschöpf und er hatte mit einem Mal Angst, ob Dirk ihn auch wirklich nach seinen Wünschen verändert hatte. In Dirks Arbeitszimmer legte er sich auf die bereitstehende Liege und sollte neu verbunden werden.

„Das sieht schon richtig gut aus. Die Narben sind verschwunden, der Laser hat ganze Arbeit geleistet. Das Gewebe ist zwar noch sehr empfindlich, aber das gibt sich mit der Zeit. Du solltest allerdings für die nächsten vier Wochen die Sonne meiden. Ich reibe die Wunden jetzt nochmals ein und verbinde dich wieder. Wenn ich heute Abend zurückkomme kriegst du wieder einen neuen Verband.“

„Wann kann ich mein neues Gesicht sehen?“

Dirk verschränkte die Arme vor der Brust und schaute ihn nachdenklich an. „Lass uns bis morgen Abend warten. Dann sehen wir weiter.“ Er klatschte in die Hände. „So, und jetzt muss ich wieder an die Arbeit. Du findest alles was du brauchst im Gästezimmer. Der Kühlschrank ist voll, also kannst du dir etwas zu essen machen.“

Im Eilschritt lief er zu seinem Auto, froh aus der Wohnung zu sein. Mit Händen und Füßen hatte er sich dagegen gewehrt, Rafael bei sich aufzunehmen. Aber es gab leider keine andere Möglichkeit.

Kaum hatte er sein Klinikbüro betreten, klingelte das Telefon und die Dame vom Empfang kündete zwei Sylter und zwei Hamburger Polizisten an, die bereits auf dem Weg zu ihm seien.  Zitternd legte Dirk den Hörer auf die Schreibtischplatte, rieb seine feuchten Hände an der Hose ab und schlüpfte in den Arztkittel. Als er sich gerade hinter den Schreibtisch gesetzt hatte, klopfte es. Robert Fries ließ Anna zuerst eintreten und begrüßte den Arzt mit Handschlag.

„Guten Tag, Doktor Angermann. Entschuldigen sie die Störung, aber wir benötigen dringend eine Auskunft von ihnen. Meine Kollegin Anna Jacobsen, ich bin Robert Fries. Dies sind unsere Hamburger Kollegen Sauer und Marlowe.“

Angermann warf einen oberflächlichen Blick auf die Dienstmarken. Vor lauter Aufregung fiel ihm nicht auf, dass Marlowe sich nicht ausweisen konnte.

 „Guten Tag, bitte nehmen sie doch Platz. Wie kann ich ihnen behilflich sein?“ Er schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr und stöhnte leise. „Ich muss in zehn Minuten in den OP.“

„Gut, wir beeilen uns. Haben sie diesen Mann schon einmal gesehen?“, fragte Fries und legte Rafaels Foto auf den Schreibtisch. Dirk Angermann rückte seine Brille zurecht, hielt das Foto nicht in seiner zittrigen Hand sondern legte es auf die Tischplatte und schaute es sich an. Er schaute und schaute und schien völlig gedankenverloren irgendwo im Universum zu treiben. Als es Fries zu lange dauerte, räusperte er sich geräuschvoll und riss Angermann aus seinen Gedanken.

„Tut mir leid. Zuerst dachte ich ... meinte ich ihn zu kennen. Aber diese Narben hätte ich mir natürlich gemerkt.“ Er schob das Foto zurück.

„Nein, ich kenne diese Person nicht.“

„Sie hält sich auch nicht zufällig hier auf und lässt eine Operation vornehmen? Sie operieren doch sicherlich nicht alle Patienten selbst.“ Fries hielt sich an jedem Strohalm fest.

„Als Chefarzt betreue ich alle Patienten, operiere allerdings nur die Privatpatienten. Aber nein, diese Person ist mir unbekannt, wie war noch der Name?“

„Ach, den hatten wir noch gar nicht gesagt. Der Mann nennt sich entweder Christian Krammlinde oder Rafael zu Bodlinski.“

„Vielleicht hat er noch eine andere Identität, das wissen wir aber nicht.“ Anna hatte sich zum ersten Mal zu Wort gemeldet und wusste selbst nicht so genau, warum sie das gesagt hatte. Sie war einfach ihrem Gefühl gefolgt. Wenn ein Killer zwei Identitäten hatte, warum nicht auch drei oder vier oder fünf?

„Tja“, Dirk erhob sich und hielt den Beamten die Hand hin, „schade, dass ich ihnen nicht helfen konnte. Ich muss jetzt in den OP.“

Die Zeit zog sich hin wie Kaugummi. Rafael hielt es kaum noch aus in der schicken Wohnung, die sehr modern und sehr unpersönlich eingerichtet war. Der Verband war mittlerweile einem Pflaster gewichen und alles in allem war er sehr zufrieden. Beim allerersten Blick in den Spiegel hatte er die Luft angehalten und konnte es dann nicht fassen, welche Meisterleistung Dirk vollbracht hatte. Die Narben waren verschwunden, seine hohen Wangenknochen lenkten jetzt den Blick auf das spitze Kinn und die vollen Lippen. Die Augenbrauen waren eine Meisterleistung. Buschig aber nicht strohig rahmten sie seine Augen ein wie ein Bilderrahmen. Die Nickelbrille, die Dirk ihm besorgt hatte, passte so perfekt, als hätte sie ein Leben lang zu ihm gehört. Morgen würde er endlich diese vermaledeite Wohnung verlassen und seine Flucht fortsetzen, aber leider nicht wie geplant in Dirks Privatjet, denn der kleine Flughafen wurde gut kontrolliert.

Als letzten Freundschaftsdienst mietete Dirk auf den Namen seines Lebensgefährten ein Auto und fuhr mit Rafael im Kofferraum versteckt rüber aufs Festland. Rafael dankte Gott für die glückliche Fügung, dass Dirks Freund sich seit gestern beruflich im Ausland aufhielt, so dass Dirk den Führerschein seines Lebensgefährten nutzen konnte. Das Foto war dermaßen alt, dass es beinahe jedes männliche Wesen zwischen Nord- und Ostsee darstellen konnte. Der schwedische Pass steckte in der Innentasche von Rafaels Jacke. Von Niebüll aus ging seine Reise weiter nach Rostock und von dort mit der Fähre nach Malmö. Dann wäre er in Schweden. Seine Mutter hatte vor einer gefühlten Ewigkeit in aller Heimlichkeit ein Ferienhaus in der Nähe von Stockholm von seinem Vater, diesem ehrenwerten Herrn Krammlinde, übertragen bekommen. Rafael war als kleines Kind öfter dort gewesen, fand es aber immer langweilig, alleine mit seiner Mutter. Jetzt wäre genau die richtige Zeit für ihn und das Haus, jetzt hätte er den ganzen Sommer Zeit die Renovierungsarbeiten vorzunehmen. Lächelnd griff er in die Innentasche seiner Jacke und umschloss den Schlüssel.

Nach einem weiteren Tag der Suche machten sich Sauer und Marlowe auf den Rückweg. Sie hätten es natürlich nie zugegeben, aber beide hatten Respekt vor diesem Mann, der ihnen erneut entwischt war. Sauer wollte sich nun um die von Hohenlofs kümmern und mit Merve sprechen, die mit Sicherheit eine Menge über das Ehepaar wusste, das ihm weiterhelfen konnte. Am Freitag erwartete er dann seinen Frankfurter Kollegen Kattlowitz zu einem Männer-Hamburg-Wochenende. Es lag auf der Hand, dass sie den Fall nochmals ausgiebig diskutieren würden, denn leider hatte es auch in Frankfurt keine neuen Hinweise gegeben. Die Frau des ersten Opfers war mittlerweile in einer Nervenklinik und für die nächste Zeit strafunfähig.

An Marlowe gewandt fragte er: „Wann gehst du zum Anwalt und erstattest Anzeige gegen Jan-Philipp von Hohenlof?“

„Direkt am Montag. Ich will endlich Ordnung in mein Leben bringen.“

„Und Merve?“

Marlowe lächelte verliebt. „Das wird sich sicher ganz positiv entwickeln.“

Fortsetzung folgt...

ENDE

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