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Erfindungen und Leidenschaften

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In jenen Tagen, als die Vergnügungen der Menschen noch darin bestanden, abends ins Theater, in die Oper oder in ein Konzert zu gehen, oder einfach nur vor dem warmen Ofen zu sitzen und ein Buch zu lesen – oder sich vorlesen zu lassen – trafen an einem lauen Frühlingsabend zahlreiche Menschen vor der Dresdner Königlichen Hofoper am Theaterplatz zusammen. Seit Wochen sorgte ein Stück mit dem Titel „Der Rosenkavalier“ eines gewissen Richard Strauss für Furore und ein volles Haus. Jeder, der Rang und Namen hatte, fand sich in der schmucken Königlichen Hofoper ein und führte seine besten Roben aus, nicht zu vergessen die Operngläser. Geheimräte aller Art: Geheime Finanzräte, Justizräte, Regierungsräte und andere wichtige Männer flanierten reich gekleidet an der Seite ihrer Gattinnen im üppig ausgestatteten Foyer der Oper umher; Sonderzüge der Reichsbahn brachten zu jener Zeit weitere wichtige Männer samt Gemahlinnen von Berlin nach Dresden, um den Kunstliebhabern aus Preußen dieses außerordentliche Opernvergnügen zu ermöglichen.
„Ich halte diesen Aufruhr wegen einer Oper für übertrieben“, meinte der Geheime Finanzrat von Hundterter, der neben seiner Gattin am Eingang darauf wartete, zu seinem Platz geführt zu werden. Er besaß eine Loge im ersten Rang, allerdings an einer Seite, wo er von den Akteuren auf der Bühne meist nur das Profil sah.
„Es heißt, dass eine Zigarettenmarke den Namen ‚Rosenkavalier‘ erhalten soll“, antwortete ein anderer Geheimrat, Fritz von Lothausen, dessen Gemahlin von ihrem Körperumfang her eigentlich zwei Sitze gebraucht hätte, sich aber in einen zwängen musste. Sie und ihr Gatte besaßen Karten für Plätze im zweiten Rang direkt über der Loge, wo möglicherweise der König sitzen würde, falls er denn den Wunsch verspürte, heute die Oper zu besuchen.
„Von ‚Elektra‘ war ich nicht ganz so angetan“, mischte sich ein weiterer Mann ein, dieses Mal jedoch kein Geheimrat, sondern der Landwirtschaftsminister des Sächsischen Königs. Sein Name lautete Freiherr Friedrich Eckbert von Grundig. Er war ein stattlicher Mann um die vierzig, mit einem sauber gezwirbelten Schnurrbart und einem noch eindrucksvolleren Backenbart, der sich leicht kräuselte und schon Spuren von Grau aufwies. An seiner Seite schritt seine Frau Eleonore, ein sanftes Wesen mit weißer, glatter Haut, die fast die Zartheit von Sahne zu haben schien. Ihre blauen Augen folgten mit wachem Interesse dem Gespräch ihres Gatten, das sie genoss, solange er nicht auf Politik zu sprechen kam. Das Glück würde jedoch nicht lange währen, das wusste sie aus Erfahrung. Und tatsächlich nutzte der Freiherr von Grundig die nächstbeste Gelegenheit, um auf sein Lieblingsthema zu sprechen zu kommen.
„‚Elektra‘ habe ich in Berlin erlebt“, erwiderte zunächst der Preußische Geheimrat Fritz von Lothausen, „in der königlichen Hofoper Unter den Linden. Strauss reist ja sehr oft durch die Welt, aber hin und wieder gibt er sich die Ehre und lässt Konzerte seiner Kollegen in Berlin aufführen. Mein Schwager ist ebenfalls Künstler und im Berliner Tonkünstler-Orchester tätig. Durch ihn weiß ich, dass Strauss nach Bayern gezogen ist. Aber die Dresdner können sich am glücklichsten schätzen, denn seine Opern werden meist hier uraufgeführt.“
„Das ist richtig“, antwortete von Grundig. „Wobei Sie in Berlin hin und wieder den Kaiser treffen können, was Sie hier wohl seltener erleben werden. Bei der Gelegenheit stellt sich mir allerdings die Frage, was seine Kaiserliche Majestät in Bezug auf die Krise in Marokko zu tun gedenkt. Haben Sie etwas davon verlautbaren hören?“
„Soweit ich weiß, haben die Briten ihre Flotte aufgerüstet, so dass der Kaiser sich gezwungen sieht, die deutschen Rüstungsausgaben zu erhöhen. Allerdings wurde mir zugetragen, dass die Franzosen planen, in Marokko einzumarschieren. Insofern sind diese Ausgaben durchaus gerechtfertigt.“
„Ich halte eine Flottenbasis in Agadir für mehr als überfällig“, warf Freiherr von Grundig ein. „Wir dürfen unsere Ansprüche auf Afrika nicht einfach aufgeben.“
Die sanfte Eleonore verdrehte kaum sichtbar die Augen bei diesen Worten. Sie wusste, dass nun nur noch über Politik gesprochen würde, und schlenderte hinter den Männern her durch das Opernhaus, wo sie im Saal einen Platz im ersten Rang in der Nähe der Loge besaß. Währenddessen äußerte der preußische Geheimrat einige weitere kluge Ansichten zur Krise in Marokko, die ihr Mann gern und eifrig aufgriff.

Aber verlassen wir doch die Welt der Geheimräte und politischen Diskussionen und wenden uns dem hinteren Teil der Oper zu, wo sich ein junger Mann von achtundzwanzig Jahren mit einem eigentümlichen Gerät an einer schmalen Tür zu schaffen machte.
„Bist du sicher, dass das funktioniert?“, fragte eine junge Frau im gleichen Alter, die mit bebenden Knien neben ihm stand und sich beunruhigt nach allen Seiten umsah, ob ihr Tun vielleicht beobachtet wurde. Aber sie konnte ganz zuversichtlich sein. Niemand bemerkte die beiden an der dunklen Tür, die im Schatten des Schornsteins vom Heizkraftwerk lag und zu einem hinteren, ungenutzten Teil der Dresdner Hofoper führte. Hinter der Tür, falls sie sich jemals öffnen sollte, befand sich ein schmaler Gang, der unter die Bühne und in den Keller des Gebäudes führte, wo die Theatervorrichtungen schnurrten und summten.
Die Sonne war bereits untergegangen, Dresden versank in einem sanften Dämmerlicht, das die Konturen verwischte und eine melancholische Stimmung entstehen ließ, in der die Laternen nur widerwillig anzuspringen schienen.
„Wenn ich dir sage, dass es geht, geht es“, knurrte der junge Mann. Sein Name war Wilhelm Förster, er wurde von allen jedoch nur Willi genannt. Die junge Frau an seiner Seite hörte auf den Namen Clara Paulsen, und wurde meistens auch so genannt. Nur Willi rief sie manchmal Clärchen, wenn er sich über sie lustig machen oder sie necken wollte.
„Was ist das für ein Ding?“, fragte sie. „Vielleicht hättest du etwas anderes erfinden sollen? Etwas, was wirklich geht.“
„Hör auf zu nörgeln“, knurrte Willi. „Das ist ein Einbruchsschlüssel, unter Einbrechern auch ‚Dietrich‘ genannt, den ich extra für solche Türen entwickelt habe. Du wirst sehen, wir kommen rein.“
„Noch vor dem Beginn der Oper?“, stichelte Clara.
Er antwortete nicht, denn in diesem Moment ertönte ein leises Klicken, und die Tür sprang einen Spalt weit auf.
„Bitte sehr, die Dame“, grinste Willi. „Das Tor zum Opernglück für die Frau aus einfachen Verhältnissen ist geöffnet.“
Ein Lächeln huschte über das Gesicht von Clara, das sie im Dämmerlicht einfach nur bezaubernd aussehen ließ. Sie besaß ein hübsches, ebenmäßiges Antlitz mit großen, wissbegierigen Augen, die grün wie Smaragde funkelten. Ihr volles, braunes Haar hatte sie, wie in jenen Tagen üblich, auf ihrem Kopf zusammengebunden, doch immer wieder entglitten ein paar vorwitzige Strähnen dem Arrangement und kringelten sich auf dem weißen Kragen. Ihre Hände verrieten ihre einfache Herkunft, sie waren augenscheinlich gewöhnt, Unmengen von Tischtüchern und Hemden zu stärken und zu bügeln, Schränke abzustauben und vornehmeren Herrschaften Kaffee oder Tee zu servieren.
„Danke“, sagte sie und trat vorsichtig ein, nicht ohne sich noch einmal nach unwillkommenen Beobachtern umzusehen. Doch die Menschen, auch die Wachposten, konzentrierten sich auf den Haupteingang der Oper, wo inzwischen jeder Besucher das Gebäude betreten und seinen Platz aufgesucht hatte. Gleich würde die Vorstellung beginnen.
Willi folgte Clara in die Oper, um ihr den Weg zur unteren Bühne zu zeigen.
Es war dunkel in dem Gang, nur an seinem Ende konnte man einen hellen Streifen ausmachen, der unter einer weiteren Tür durchkroch und von der beleuchteten Bühne herrührte. Aber diese Tür durften sie nicht öffnen, wenn sie nicht entdeckt werden wollten. Dahinter spielte sich die rege Betriebsamkeit eines Theaters kurz vor der Vorführung ab, die bis hinter das dicke Holz zu hören war.
Stattdessen bog Willi vor der Tür links ab in einen weiteren dunklen Gang, der in Stufen mündete, die eine halbe Etage in die Tiefe führten. Vorsichtig stiegen die beiden die Stufen hinunter, Claras Hände tasteten die kalten Steine an den Seitenwänden ab, um in der Finsternis zu wissen, wohin der Weg sie führte. Als ihre Finger in einer Spinnwebe hängenblieben, schrie sie leise auf.
„Psst“, mahnte Willi. „Wir sind gleich da.“
Und tatsächlich landeten ihre Füße am Ende der Stufen auf einer Plattform, die scharf nach rechts führte. Darüber schimmerte durch die Bühnenbretter das Licht des Opernhauses. Verschiedene Klänge drangen so dicht an Claras Ohr, als säße sie mitten auf der Bühne. Die Orchestermitglieder stimmten ihre Instrumente oder probten noch eine schwierige Stelle, das Publikum murmelte in freudiger Erwartung der Vorstellung, die eiligen Schritte eines Bühnenarbeiters huschten über die Dielen.
„Hier kannst du bleiben“, sagte Willi leise und zeigte ihr einen Stuhl, der einsam neben einer abenteuerlichen Bühnenkonstruktion stand, die einen Teil der Bühne drehen konnte.
„Aber ich sehe ja gar nichts von der Handlung auf der Bühne!“, beklagte sich Clara und versuchte, durch einen Schlitz im Bühnenboden zu blicken. Es war aber kaum etwas zu sehen.
Willi zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Wenn du alles sehen willst, musst du dir eine Eintrittskarte kaufen wie alle anderen.“
„Das kann ich mir nicht leisten. Außerdem würde es mein Vater niemals erlauben, dass ich mein bisschen Geld für die Oper ausgebe.“
„Dann musst du dich mit dem begnügen, was du hier erlebst. Immerhin kannst du die Musik hören. Und du kannst die Maschine laufen sehen.“ Seine Stimme bekam einen bewundernden Klang bei diesen letzten Worten. Er liebte alles, was mit Technik und neumodischen Konstruktionen zu tun hatte. Den Weg unter die Bühne kannte er auch nur daher, dass er den Arbeitern dabei zugeschaut hatte, wie sie die Drehbühne im Opernhaus instand setzten und in den Bühnenkeller einbauten.
„Das ist immerhin etwas“, lenkte Clara ein und nahm ein abgegriffenes Programmheft zur Hand, das sie in ihrer Handtasche mitgebracht hatte.
„Von deinen Herrschaften?“, fragte Willi nach und deutete auf das Heftchen.
Clara nickte und hielt es in einen schmalen Lichtstrahl, der zwischen den Bühnenbrettern in ihr Versteck fiel. „Sie haben die Uraufführung vom ‚Rosenkavalier‘ miterlebt und davon erzählt. Heute sind sie ein zweites Mal hingegangen, weil es der Herrin so gut gefallen hat. Das Heftchen hatten sie aber schon weggeworfen.“
„Und du wolltest es ihnen unbedingt gleichtun und die Oper ebenfalls erleben. Du weißt, dass du nie zu ihnen gehören wirst?“
„Das weiß ich. Das will ich auch nicht. Aber ich liebe die Musik genau wie sie. Und ich mag es, wenn sie davon sprechen. Dann bekomme ich noch mehr Lust, so etwas zu erleben. Darum beneide ich sie wirklich: dass sie Zugang zu all den wundervollen Kunstwerken haben, zu Musik und Literatur. Und um ihre riesige Bibliothek. So viele Bücher werde ich niemals besitzen, nicht einmal lesen!“
Willi lächelte fein. Clara hatte sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, so dass sie seine schmalen Lippen erkennen konnte.
„So viele Bücher braucht man auch nicht“, kommentierte er kurz.
Clara schüttelte energisch den Kopf. „Bücher sind wunderbar, herrliche Geschichten und Gedichte, Romantik, Poesie und Dramatik, die einem den Kopf verdrehen und die Welt so wunderschön erscheinen lassen. Aber das verstehst du nicht.“ Sie seufzte leise.
Willi winkte ab. „Wozu auch? Wenn es dir gefällt, ist das deine Angelegenheit. Wenn die Oper vorüber ist, komme ich, um dich abzuholen.“
Er hob die Hand zum Abschied und schickte sich an, den Keller zu verlassen.
„Du bleibst nicht hier?“, fragte Clara entsetzt.
„Nein. Im Gegensatz zu dir gefällt mir die Oper nicht. Ich hoffe vielmehr, dass sich die Erfindung mit den beweglichen Bildern bald weiter durchsetzen wird. Neulich habe ich Asta Nielsen gesehen, das war unglaublich beeindruckend. In ein Kintopp muss ich dich mal mitnehmen, das wird dir gefallen!“
Clara zuckte desinteressiert mit den Schultern. „Vielleicht irgendwann einmal.“
„Das ist was ganz anderes als Oper“, fügte Willi hinzu.
Sie lauschte nach oben, wo das Publikum langsam verstummte. Das Orchester stellte das Stimmen und Proben ein. Das Licht wurde gedämmt.
„Es geht los“, wisperte Clara andächtig.
„Bis später“, erwiderte Willi leise und schlich davon. Aber Clara hatte ihn schon nicht mehr gehört. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt den nun beginnenden Klängen des Orchesters, den Sängern und der Handlung, die sie zwar nicht sehen, aber in ihrem kleinen Heftchen nachlesen konnte.
 

Fortsetzung folgt...

Als die vier Stunden Opernvergnügen vorüber waren, wäre Clara am liebsten sitzen geblieben. Willi hatte größte Mühe, sie davon zu überzeugen, dass sie den Bereich unter der Bühne so schnell wie möglich verlassen musste, wenn sie nicht eine Katastrophe erleben wollte ...

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