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9/10
Von: Ivy S. Ripley

Feurige Nacht

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Träge lehnte sich die junge Frau über den Tresen.
Ihre blonden Haare glänzten trotz der schummrigen Beleuchtung, ihre rot geschminkten Lippen waren leicht geöffnet.
Gelangweilt flirtete sie mit dem Barkeeper, einem nicht schlecht aussehenden Mann mittleren Alters. Seine Witze brachten sie immerhin zum Lachen, ließen sie den stressigen Tag im Büro vergessen. Der Alkohol tat sein übriges.
Der Abend war noch jung. Was sollte sie heute noch anstellen?, fragte sich Astrid bereits zum dritten Mal. Öde war es hier, sie brauchte dringend etwas Abwechslung. Monatelang war nichts aufregendes in ihrem Leben mehr passiert. Die Stadt und ihre Bewohner begannen sie zu langweilen. Vielleicht sollte sie mal wieder …?
Mit einem Mal kam Bewegung in die übrigen Gäste, alle wandten den Kopf zur Tür.
Ein junger Mann, unverschämt gutaussehend, stand im Eingang. Seine dunklen Augen musterten die Anwesenden, langsam bahnte er sich einen Weg durch die Menge. Natürlich lässig zog er seinen Mantel aus, ließ die anwesenden weiblichen Gäste seine durchtrainierte, gut proportionierte Statur bewundern.
„Einen Scotch, bitte!“, rief er dem Barkeeper zu. Seine Stimme löste einen wohligen Schauer in Astrids Körper aus. Er stand jetzt direkt neben ihr. Vielleicht hatte sie heute Abend ja doch noch Glück. Sie räusperte sich.
„Darf ich Ihnen etwas bestellen?“
Er schenkte ihr ein gewinnendes, wenn auch etwas schüchternes Lächeln.
Betont langsam drehte sie sich zu ihm um, brachte geschickt ihr Dekolleté in Position.
Sie hob den Blick unter perfekt geschminkten Wimpern und traf auf dunkle Augen, die sie sofort in ihren Bann zogen. Unbewusst strahlte sie ihn an.
Er wiederholte seine Frage, diesmal etwas lauter.
„Gern, sehr gern. Ich nehme einen Gin Tonic.“
Ihr Atem ging etwas schneller.
„Barkeeper, bitte einmal für die Lady.“
Verschmitzt lächelte er sie an, beugte sich etwas vor.
„Ich bin noch neu in der Stadt. Ich habe hier eine neue Stelle angetreten. Vielleicht können Sie mir erzählen, was an diesem Ort angesagt ist, was man auf keinen Fall verpassen sollte? Mein Name ist übrigens Arnd.“, sprach er nahe ihrem Ohr.
Sein Atem fuhr angenehm über ihre Haut, ließ eine wohlige Gänsehaut entstehen.
Hätte er Norbert oder Otto geheißen, ihr wäre es in diesem Augenblick egal gewesen. Er sprach seinen Namen in einer Art und Weise aus, der jeden hätte erotisch klingen lassen.
Namen waren unwichtig diese Nacht.
Mit einer geübten Bewegung fuhr er sich durch das volle, braune Haar.
„Astrid, mein Name ist Astrid.“, seufzte sie. Genüsslich ließ sie ihren Blick über seine muskulösen Schultern bis zu seiner Brust wandern. Sie konnte ihre Augen nicht mehr von ihm lassen.
Das amüsierte Lächeln, mit dem er sie bedachte, nahm sie nicht wahr.
Ihre Pupillen waren leicht geweitet, ob vom Alkohol oder etwas anderem konnte Arnd nicht mit Sicherheit sagen. Dass er ihr gefiel, dessen war er sich sicher. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis die Frau seiner Ausstrahlung völlig erlegen war.
Gekonnt einstudiert neigte Astrid leicht den Kopf, hob ihre perfekt geschminkten Wimpern und lächelte.
„Zu dir oder zu mir?“, flüsterte sie.
Sein Lächeln vertiefte sich, seine Augen glänzten. Der gut gebaute Neuling hatte angebissen.
Die heutige Nacht war gerettet.
„Also zu mir...“, traf sie die Entscheidung.
Sie liebte One-Night-Stands. Volle Lust, Null Verantwortung. Mit diesem Prachtexemplar von einem Mann würde es ein Vergnügen werden. Hoffentlich verhielt er sich im Bett genauso geschickt und galant wie an der Bar. Falls nicht, würde sie einfach die Führung übernehmen. Eine Augenweide war er so oder so. Sie konnte nur gewinnen.
„Hast du einen Wagen?“, fragte sie, während er wie selbstverständlich bezahlte.
Sein kurzes Nicken reichte ihr.
„Ich erkläre dir den Weg ...“
Langsam folgte er ihr zum Ausgang, führte sie zu seinem Auto.
Ganz der Gentleman öffnete er ihr die Tür und wartete, bis sie eingestiegen war.
Eine solch feine Behandlung war ihr schon länger nicht mehr widerfahren. Seine guten Manieren beeindruckten sie, rundeten das Bild, was sie sich von ihm gemacht hatte, ab.
Geschickt und sicher brachte er den Wagen auf die Straße, fuhr sie bis zu dem Haus, in dem sie wohnte. Beim Aussteigen war er ihr ebenso behilflich wie beim Einsteigen, führte sie galant am Arm bis zu ihrer Wohnungstür.

Mit vor Erwartung zitternden Händen steckte sie den Schlüssel ins Schloss. Es klemmte mal wieder.
„Lass mich helfen ...“, wisperte er, schob sie sacht zur Seite. Seine geübten Finger hatten ein leichtes Spiel mit der widerspenstigen Türsicherung.
„Erledigt...“, zwinkerte er ihr zu.
Sie schlüpfte durch die Tür, ihn mit sich ziehend.
Die Sehnsucht ließ sie erschauern.
„Schließ' die Tür und komm...“, ihre Stimme bebte.
Mit einem Male hatte sie es eilig, konnte es nicht mehr erwarten.
„Komm ...“, sagte sie, packte ihn am Handgelenk und zog ihn mit sich ins Schlafzimmer.
Verführerisch ließ sie sich in die Seidenkissen sinken, ließ ihn ihre schlanke Figur bewundern.
Folgsam richtete er seine Augen auf sie, lobte ihren Körper mit einem glühenden Blick.
„Nun komm zu mir ...“, wieder zog sie ihn am Handgelenk, er folgte ihrer Führung, beugte sich über sie und ließ seinen Körper auf den ihren gleiten. Sofort fuhren ihre Hände seine starken Arme entlang bis zu seinem Rücken. Dort verschränkte sie ihre Finger ineinander in der Absicht, ihn nicht mehr loszulassen. Langsam und zielsicher schob sie ihre Hände seinen Rücken entlang.
Er küsste sie. Erst zaghaft, lockend, dann fordernder.
Sie schmolz unter ihm dahin, gehörte bereits völlig seinen geschickten Händen.
Ihr Blick suchte den seinen, mit einer Hand griff sie ihm in das braune Haar.
Plötzlich zuckte sie zurück, ihre Augen weiteten sich.
In seinen Pupillen tanzten feuerrote Flammen, loderten bedrohlich auf.
Ein entsetztes Keuchen entrang sich ihrer Kehle. Sie wollte fliehen, ihn von sich stoßen.
Doch er hielt sie in eisernem Griff, zwang sie, ihm weiter in die glühenden Augen zu schauen.
Das Zimmer um sie herum verschwamm, sie wurde in einen Strudel wilder Farben gezogen.
Plötzlich breitete sich Nebel aus, verschluckte alle Farben und Formen.
Es schien ihr wie eine halbe Ewigkeit, bis sie erste Konturen ausmachen konnte.
Ihre Umgebung hatte sich völlig verändert.
Sie befand sich an einem ihr wohl bekannten Ort aus ihrer Vergangenheit.
Menschen liefen an ihr vorbei, fügten sich zu Gruppen zusammen.
Langsam bewegten sie sich, fast wie im Zeitlupentempo.
Einige Minuten später hatten sie einen Kreis gebildet.
Schließlich schien die Zeit still zu stehen, die verschiedenen Personen in ihren Handlungen fest gefroren.
Vorsichtig näherte sich Astrid der Gruppe, die wie Zuschauer gebannt in die Mitte des Kreises starrten. Auf dem Asphalt lag eine Frau, in Rock und Bluse gekleidet. Unter ihrem braunen, schulterlangen Haar war Blut zu sehen. Eine Lache hatte sich gebildet, die in Zeitlupe in den Rinnstein sickerte.
Ihre Augen wanderten zurück auf die Zuschauer, betrachteten die Umstehenden genauer.
Sie erkannte ihr eigenes Gesicht, unterdrückte einen schwachen Schrei.
Astrid blickte stöhnend auf ihr Gegenüber, erwachte wie aus einer Schockstarre.
'Was soll das? Was geschieht hier?' fragte sie sich verwirrt. Mit immenser Willenskraft riss sie ihren Blick von der Szenerie los
„Sieh genau hin ...“, die Stimme des Mannes hinter ihr klang bei weitem nicht mehr so freundlich wie noch vor wenigen Minuten. Erschrocken wandte sie sich um. Arnd zwinkerte sie spöttisch an.
Wut wallte in ihr auf, verlieh ihr Kraft. Trotzig spuckte sie ihm ins Gesicht.
Der Moment verflog so schnell, wie er aufgetaucht war. Mit jeder weiteren Sekunde verlor sie die Kontrolle wieder an den jungen Unbekannten.

Mit all ihr zur Verfügung stehenden Willenskraft versuchte sie sich ihm zu widersetzen.
Doch es war bereits zu spät.
Sein Wispern war in ihre Gedanken gekrochen, verfolgte sie. Verzweifelt kämpfte sie gegen ihn an, um die Gewalt über ihre Gedanken wieder zu erlangen.
„Gib dir keine Mühe. Du kannst mir nicht entkommen.“, hallte sein Flüstern in ihren Ohren wider.
Kein menschliches Wesen hatte dies bisher geschafft, weder Frau noch Mann.
Gegen ihren Willen suchten ihre Augen wieder die seinen.
Doch sie blieb am gleichen Ort, er verschwand einfach nicht.
Sie wollte nicht bleiben, nicht hier.
Arnd begann um sie herum zu schleichen.
Seine Stimme hob zu einem leisen Singsang an, lullte sie ein.
„Erinnerst du dich nicht?“
Ihr Widerstand wurde schwächer und schwächer.
Erneut streifte ihr Blick über die Gruppe von Menschen.
Die Worte des jungen Mannes drangen erneut in ihre Ohren.
„Ich habe es auch gesehen … ich habe DICH gesehen! … zeige mir mehr.“
Hinter einer Gruppe von Männern in Anzügen stand eine Frau, blondes Haar, kurzer Rock. Ihre rotgeschminkten Lippen waren verzerrt. Auf den ersten Blick konnte man meinen, sie trauere um die Tote. Doch wer genauer hinsah, konnte sehen, wie ihre Lippen sich kräuselten und ihre Augen blitzten.
Angst wallte in Astrid auf, drohte ihr die Luft abzuschnüren.
Ein letztes Mal versuchte sie sich gegen ihn zu wehren, sich von diesem unwirklichen Ort zu befreien.
Doch sie konnte sich nicht rühren, ihre fehlte die Kraft.
„Zeig es mir!“ befahl er ihr im Flüsterton.
Astrid zeigte keine erkennbare Reaktion.
„ZEIG ES MIR!“ schrie er, seine Stimme loderte.
Unbarmherzig zwang er Astrid seinen Willen auf.
Ihr Blick wanderte erst ziellos über die Menschenansammlung, blieb schließlich bei einer Person haften. Einer Frau mittleren Alters, braune, kurz geschnittene Haare.
Diese schaute zur grinsenden Astrid aus der Vergangenheit.
Die Namenlose lächelte ebenfalls.
Arnds Mund verzog sich zu einem spöttischen Grinsen.
Seine Lippen gaben dabei seine Zähne frei, die ihr mit einem Male ungewöhnlich spitz erschienen. Ein immer lauter werdendes, dämonisches Lachen flackerte aus seiner Kehle
Astrids Unterlippe begann zu zittern, erste Tränen sammelten sich auf ihrer Haut.
„Ich hatte nichts damit zu tun ...“, beteuerte sie ihm mit wimmernden Worten.
„Ich bin unschuldig...“
Angstvoll riss sie ihre Augen auf, ein Schrei des Entsetzens entwich ihr.
Seine Haare wechselten ihre Farbe von dunklem Braun zu leuchtendem Rot. Einzelne Flammen züngelten von seinen Haarspitzen, verteilten sich langsam über sein Haupthaar bis hinab zu seinen Schultern.
Aus seinen Rückenwirbeln wuchsen erste Stacheln.
„Es war ein Selbstmord ...“, stammelte sie, kreidebleich geworden.
Arnd lachte nur und sprach: „Ich weiß … ich weiß jetzt alles … alles, was ich wissen muss...“
Die Wörter züngelten aus seinem Mund wie tanzende Flammen.
Panik kroch in ihr hoch, lähmte sie.
Seine Fingernägel, eben noch menschlich, veränderten sich. Schwarze Krallen schoben sich durch seine Haut.
Mittlerweile stand sein muskulöser Rücken in Flammen, die ersten tanzten auf seine Brustmuskeln zu. Hitze breitete sich von seinem Körper aus, nahm ihr den Atem.
Seelenruhig umarmte er sie, hielt sie in eiserner Umklammerung. Seine Krallen bohrte sich tief in ihr Fleisch.
Vor Panik und Entsetzen gelähmt gab sie auf, ihre Knie sackten unter ihr weg.

Das Ende seiner Suche nach der Komplizin des Verbrechens war erreicht. Er brauchte sich nicht weiter zu verstellen. Seine Hände verwandelten sich zu den Pranken eines Löwen, Hörner schoben sich aus seiner Stirn.
„Mein Name ist übrigens nicht Arnd...“
Die sie umgebende Hitze nahm schlagartig zu. Sein Körper war inzwischen von Flammen vollständig umhüllt. Er lächelte.
Seine Aufgabe war gleich erfüllt.
Er ließ das Feuer in ihm frei. Lichterloh begann er zu brennen … und sie mit ihm. Astrid spürte, wie die Flammen ihren Körper verzehrten.
Ein letzter Schrei entfloh ihrer Kehle.
Nur wenige Minuten später war alles vorbei.
Sorgfältig sah er sich in Astrids Wohnung um, beseitigte alle Spuren, die die Polizei mit ihm in Verbindung bringen könnten.
Ein letzter Blick, dann verließ er lautlos die Wohnung.
Sorgen machte er sich keine.
Ein weiterer Fall von spontaner Selbstentzündung, mehr nicht. Die Polizisten würden diesen Fall ebenso ungeklärt abschließen wie die anderen Opfer, die auf sein Konto gingen.
Jetzt lächelte der junge Mann nicht mehr.
Er konzentrierte sich ganz auf seine nächste Zielperson, war bereits wieder auf der Jagd.
Die Spur zu ihr lag klar und deutlich vor ihm.
Er zog seine Krawatte zurecht, fuhr sich ein letztes Mal durch sein blondes Haar und machte sich auf den Weg.
Eine Frau mittleren Alters führte ihren Hund aus, genoss die letzten Sonnenstrahlen der Abendstunden. Tief in Gedanken versunken folgte sie ihrem Hund, bemerkte nicht den jungen Mann, der auf einer der Parkbänke saß.
Innerlich schüttelte Danielle den Kopf. Sie konnte es noch immer nicht fassen, dass ihre beste Freundin vor zwei Tagen unter solch mysteriösen Umständen verstorben war.
Ein Lächeln erschien auf den Lippen des jungen Mannes, kurz blitzten Flammen in seinen Augen auf.
Langsam erhob sich der Afarit von der Parkbank, begann der Frau mit Hund zu folgen.
 

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Kommentare

Erstellt von Bernar LeSton (Benutzer) on
9
Eine heiße Nummer - wahrlich! Selbstverzehrend bis zum furiosen Ende, flammend geschrieben. Sehr schön, Ivy und ich bleibe dabei: Immer gerne wieder! Liebe Grüße Bernar
Erstellt von Ivy S. Ripley (Benutzer) on
0
Danke, Bernar ! Ich glühe ;) Momentan bin ich (mal wieder) etwas im Zeitstress, doch es werden sicherlich noch mehr Geschichten von meinem Afarit folgen :) Liebe Grüße