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Von: Alaster

Kapitel 2

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Das Sonnenlicht kitzelte Lumies Nase. Wohlig seufzend drehte sie sich in ihrem Meer aus kunstvoll verzierten Kissen noch einmal um. Der gestrige Tag hatte einen bitteren Beigeschmack auf ihrer Seele hinterlassen, doch der neue Morgen schenkte ihr Kraft und Zuversicht. Lord Asriels Worte waren hohl und leer, sollte er mit ihrer Mutter spielen und sollte sich ihre Mutter ruhig von ihm blenden lassen. Sie war stark, ihr Körper eine eiserner Panzer der unerwünschte Worte abschmetterte und ihnen keine Bedeutung zukommen lies. Was den schönen fremden betraf, sie würde ihn schon kriegen, koste es was es wolle.

Als sie aufstand versanken ihre Füße in dem weichen Teppich, der so viel Geld wie ein Bauernhaus gekostet hatte. Ihr Zimmer lag hoch oben und durch die Rundbögen der geöffneten Fenster, wehte sacht der von Tag zu Tag kälter werdende Wind herein und trug den Geruch des Meeres mit sich.

Das Wasser aus der Waschschüssel, dass eine Dienerin bereits herein getragen hatte, war schon kalt, doch Lumie mochte die belebende Wirkung des Wassers, der hereinwehende Wind verstärkte die kühlende Wirkung auf ihrer, vom schlafen noch warmen, Haut. Frisch wie der morgen und nackt wie an dem Tag ihrer Geburt, ging sie in ihr Ankleidezimmer. Heute würde sie ein tief ausgeschnittenes weißes Kleid tragen. Es war aus Seide, oben sehr eng und ab der Hüfte weit ausgeschnitten. Wie Federn fühlte es sich auf der Haut an zart, weich und sanft. Lumie ging zurück in ihr Zimmer und setzte sich an den Schminktisch aus Ebenholz, auf der ein mit filligranen Mustern umrandeter Spiegel stand. Sie lies ihr langes Haar offen und kämmte es lediglich. Ihre Augen umrandete sie mit schwarzem Ruß eines verbrannten Weltenbaumes und ihre Lippen färbte sie mit dem blutrotem Saft der Blumen aus den Gärten von Yill. Um das Werk zu vollenden, band sie sich eine Kette um an der ein geschliffener Mondstein hing, dessen violette Reflexe mit ihren Augen um die Wette funkelten. Perfekt. Ihre Mutter würde ihr anzügliches Aussehen hassen.

Plötzlich überkam sie eine ungewohnte Aufregung, als sie an die tiefblauen Augen des Fremden dachte, die sich nicht unterdrücken lies. Mit klopfendem Herzen machte sie sich auf die Suche.

 

Sie fand ihn im Garten. Graue, schwere Wolken waren aufgezogen und tauchten die kunstvoll geschnittenen Büsche in gedämpftes Zwielicht. Die Luft war kühl und klar. Vogelgezwitscher mischte sich mit dem Geplätscher der Brunnen, die Lumies Großvater hatte bauen lassen. Ansonsten war es vollkommen Still, der Hof war noch nicht zum morgendlichen Spaziergang aufgebrochen.

Er saß gelehnt an einen Brunnen im weißen Kies. In den Händen hielt er ein Buch, Lumie konnte sein Gesicht nicht erkennen, denn er hielt den Kopf gesenkt um zu lesen und seine Haare hingen vor seinem Gesicht. Seine braunen, weichen Stiefel glänzten feucht vom Morgentau, er war also auch abseits der steinigen Wege unterwegs gewesen.

„Was lest ihr?“

Ruckartig hob er den Kopf, Lumie blickte ihm tief in seine dunklen Augen. „Entschuldigt, ich wollte euch nicht erschrecken“

Der Fremde grinste schief „Eine Prinzessin die sich entschuldigt“

Lumie wusste nicht was sie darauf erwidern sollte. Unter normalen Umständen hätten sie solche Worte in dunkle Wut gestürzt, doch eine neblige Ruhe machte sich in ihrer Brust breit und lies sie sanft gleiten ohne sich an spitzen Worten zu stoßen. Sie setzte sich auf den Rand des Brunnens und schwieg eine Weile, während der Fremde sich wieder seinem Buch widmete.

„Ihr seid mit Lord Asriel angereist?“ durchbrach sie plötzlich die Stille.

Ein knappes Nicken war die Antwort. Der sanfte Nebel in ihrer Brust begann sich aufzulösen, soviel Unaufmerksamkeit war sie nicht gewohnt, es machte sie plötzlich rasend das er sich wieder seinem Buch zugewandt hatte. Morgendlicher Nebel lag noch auf dem kleinen Wald nicht weit der Wiese vor der sie saßen. Lumie sog tief die nach Fichten duftende Luft ein um ihren verletzten Stolz ein wenig zu beruhigen. Schließlich traute sie sich wieder zu sprechen, ohne befürchten zu müssen ihn bissig anzufahren.

„Wie ist euer Name?“

Sie musste einen Moment warten, schließlich knickte er ein Eselsohr in die aufgeschlagene Seite seines Buches und klappte es zu. „Anil“ den Blick den er ihr zuwarf konnte sie nicht deuten, doch zwischen all den schönen Gesichtern die sie jemals gesehen hatte, war dieses das erste dass ihr ein Gefühl von wärme vermittelte. Unwillkürlich musste sie lächeln, es war als hörte sie ein Lied, dass sie ganz tief im Inneren berührte und ihr ein Gefühl von Leben verlieh. Er erwiderte ihr Lächeln und schlug sein Buch wieder auf. Der sanfte Nebel in ihrer Brust war wieder da. So saßen sie lange und sprachen kein Wort. In Lumies Rücken plätscherte das Wasser; ab und zu hörte sie wie er eine Seite umblätterte, doch ihr Blick ruhte auf dem kleinen Wäldchen. Etwas weißes schimmerte dort zwischen den dichten Büschen und dicken Stämmen. Als sie ein Kind gewesen war hatte sie in dem kleinen Wald ein einziges mal ein Einhorn gesehen. Solche Wesen zeigten sich nur in unschuldigen Momenten. Ob dies wohl so einer war? Lumie spürte keine Wut mehr. Nach und nach erwachte der Schloßgarten zum Leben. Lumie hörte das Lachen der Hofdamen, die sich einen morgendlichen Spaziergang gönnten. Anil legte sein Buch zur Seite, als die Damen in ihren wallenden Kleidern um die Ecke kamen. Eingeschüchtert verbeugten sie sich vor Lumie, die ihnen höflich jedoch nicht ohne eine Spur von Arroganz zunickte, bevor sie weiter gingen. Anil schenkte ihnen ein umwerfendes, schiefes Lächeln, dass Lumies Wunsch ihn für sich zu haben nur noch mehr verstärkte.

„Ihr seid also mit Lord Asriel hier?“

„Ja das bin ich“ Anil erhob sich und setzte sich neben sie auf den Rand des Brunnen. Dabei vernahm sie einen Duft so süß wie Honig, er saß so nah neben ihr, das sie die Wärme seines Körpers spüren konnte. Seine Wimpern warfen lange Schatten auf seine ausgeprägten Wangenknochen, beinahe beneidete sie ihn darum. Doch noch viel faszinierender fand sie das dunkle blau seiner Augen, es war ihr als leuchteten sie. In einem kurzen Moment der Unbeherrschtheit, hob sie die Hand und strich ihm eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht, die der Wind über seine Augen gelegt hatte, als könne er so viel Schönheit nicht ertragen und müsste sie deswegen vor der Welt verbergen. Anils voller Mund verzog sich zu einem Lächeln, dass irgendwie falsch in seinem Gesicht hängen blieb. „Ihr seid es gewohnt zu bekommen was ihr wollt habe ich recht?“

Lumies Hand blieb starr in der Luft hängen, sie wollte sagen Nein das bin ich nicht, ich wünsche mir meinen Vater, ich wünsche mir ein Zuhause und die Möglichkeit mit anderen zu sprechen ohne sie zu hassen... Gedanken die sie sonst nie zuließ, durchfluteten in heißen Wellen ihren Körper, doch sie kämpfte dagegen an und lies die Hand schließlich sinken.

„Ist es denn so offensichtlich was ich will?“ ihr Gesicht war nun ganz nah an seinem und sie spürte seinen warmen Honigatem. Anil drehte den Kopf zur Seite und sprang behände auf. „Ja das ist es“ er klopfte sich den Staub von der Hose „ich muss jetzt wieder zu Akash“

Einige Sekunden blieb Lumie starr vor Schreck sitzen. Sie spürte den Zorn wie er sich einen Weg hinauf in ihre Kehle suchte. In dem kleinen Wald raschelte es, das poltern von Hufen entfernte sich.

„Wie könnt ihr es wagen mich einfach hier sitzen zu lassen wie...“ weiter kam sie nicht, heiße Wut verschlang die Worte die sie ihm an den Kopf werfen wollte. Anil schien dies furchtbar amüsant zu finden. „Akash erzählte mir das jedermann in Yill frei sei. Er schwärmte in den höchsten Tönen von der Freigiebigkeit und Güte der Königin. Und da nur wenige hier gefangen sind, werde ich jetzt gehen“ er verbeugte sich spöttisch und wollte sich umdrehen um zu gehen.

„Akash ist ein verlogener Heuchler!“ Lumie wusste das der Wind ihre Worte in jeden Winkel des Gartens tragen würde, doch es war ihr egal. Sie war die zukünftige Königin von Yill und hatte das Recht ihrem Ärger Luft zu machen wann immer sie wollte. Darüber hinaus war es ganz gleich was sie tat, ob sie gut war oder schlecht, würde sie doch immer die Tochter des Verräterkönigs bleiben.

„Nun“ Anil ging breit grinsend einen Schritt rückwärts „auf jeden Fall ist er ehrlicher als ihr“

„ach ja?!“ Lumie warf stolz ihren Kopf in den Nacken „sagt mir Anil, reist ihr freiwillig mit ihm?“ sie wusste das die meisten seiner Gefolgsleute Gefangene aus fremden Ländern waren, mit dehnen er sich schmückte und hoffte ihm so einen Schlag versetzen zu können. Doch Anil gab lediglich seinem Lächeln etwas weniger Ausdruck „Nein das tue ich nicht. Allerdings wird der Tag kommen an dem er mich freigibt“

Ein schadenfrohes Lachen entfuhr Lumie „Also seid ihr einer der wenigen Gefangenen?“

Anil hob eine Augenbraue „Wie gesagt, nicht mehr lange“ und wieder erschien dieses unverschämte Grinsen.

„Ihr habt zwar recht, die meisten Menschen in Yill sind frei“ nun war es Lumie die ein bezauberndes Lächeln aufsetzte. Sie wollte ihm weh tun, ihn zerstören für die Arroganz die er ihr entgegenbrachte. Sie war nicht schlecht, keiner hatte das Recht sie so zu behandeln und wenn doch dann würden sie es bitter bereuen „doch die Gefangene sind, werden es auch bleiben und wenn ich erst einmal auf dem Thron sitze werdet ihr für eure Unverschämtheit bezahlen“

Anil verzog angewidert das Gesicht, nur um ihr kurz darauf freundschaftlich zuzuzwinkern „Oh da bin ich mir sicher, doch nun muss ich wirklich wieder zurück zu Akash, es hat mir wirklich Spaß gemacht mit euch den Morgen zu verbringen“ mit diesen sarkastischen Worten, wischte er das siegessichere Lächeln aus Lumies Gesicht und ging davon.

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