Netnovela

Romane und Geschichten online lesen
0/10
Von: Stine

Vorahnung

1074 Aufrufe

Es war schon dunkel als Caroline in ihre Wohnung zurückkam. Draußen peitschte der Regen an die Fensterscheiben, aber drinnen war es wohlig warm. Schnell zog sie ihre durchnässten Sachen aus und zog sich trockene an. Dann kochte sie sich einen Tee und setzte sich, in eine Decke eingewickelt, vor ihren Computer. Bevor sie schlafen ging, wollte sie unbedingt noch an ihrem Text weiter schreiben.

Im Raum waren jetzt nur noch das blaue Licht des Computers und der warme Schein einer Kerze zu sehen. Das Licht hatte Caroline gelöscht, wie sie es immer tat, wenn sie abends allein zu Hause war. Sie fand es gemütlicher so.

Den Kopf in die Hände gelegt und mit geschlossenen Augen saß sie lange Zeit da und dachte nach. Über den Artikel, den sie für die Zeitung schreiben sollte, aber auch über ihn. Was werden sollte. Über die Zukunft eben.

Sie lauschte den Tropfen, die an das Fenster schlugen und dem Wind der von Minute zu Minute stärker wurde.

„Was für ein Sturm.“, dachte Caroline. Ihre Gedanken waren schon lange nicht mehr bei dem Artikel. Eigentlich wollte sie ihn schon lange fertig haben, aber irgendwie kam sie nicht weiter. Auch die Dinge, die sie heute herausgefunden hatte reichten nicht aus. Einen Monat hatte sie Zeit bekommen und nun stand der Abgabetermin vor der Tür. Doch Caroline konnte sich nicht konzentrieren. Ihre Gedanken flogen davon, wie die Samen einer Pusteblume, die vom Wind ergriffen und davon geblasen wurden.

Sie wollte ihn vergessen, sich in ihre Arbeit stürzen und nicht mehr an ihn denken, aber aus irgendeinem Grund schlich er sich immer wieder in ihre Gedanken und wollte nicht mehr daraus verschwinden. Immer wieder kamen ihr die gleichen Fragen in den Sinn: Warum? Warum war er gegangen? Wohin war er gegangen? Doch wozu dachte sie darüber nach? Es würde ja doch nichts daran ändern.

Entschlossen blickte Caroline wieder auf ihren Text und begann ihn noch einmal durchzulesen. Ja, das war doch schon mal ganz gut und mit den Sachen, die sie heute aus dem Internet geholt hatte, konnte sie das Ganze noch etwas abrunden. Was noch fehlte waren neue Informationen und sie hoffte diese in den nächsten Tagen zugeschickt zu bekommen.

Gegen drei Uhr morgens hatte Caroline zum dritten Mal ihren Artikel umgeschrieben. Doch nun war sie mit dem Ergebnis zufrieden. Es mussten nur noch einige kleine Dinge geändert und die Informationen, die sie erwartete eingefügt werden. Dann konnte sie ihn abgeben.

Als sie ihren Computer ausgeschaltet und sich zum Schlafen fertig gemacht hatte, war die Kerze fast runter gebrannt. Sie flackerte noch einmal kurz auf und verlosch. Im Raum war es mit einem Mal dunkel. Dunkel und still. Zu still für Caroline. Sie mochte die Stille, doch viel lieber hätte sie sein vertrautes Atmen gehört.

Müde tappte Caroline in der Dunkelheit zu ihrem Bett. Der Sturm hatte aufgehört und nur noch vereinzelte Regentropfen klopften an die Fensterscheibe.

Als Caroline die Augen schloss, sah sie wieder sein Gesicht. Sein vertrautes, ihr so lieb gewordenes Gesicht. Er sah sie an, leidend und irgendwie flehend. Es kam ihr vor, als würde er sie rufen. Sie um ihren Beistand bitten. Aber wo war er?

Schnell öffnete Caroline ihre Augen wieder. Nein, sie wollte ihn nicht sehen. Sein Abschied tat ihr immer noch zu weh.

Als er damals gegangen war, war das einzige was er ihr noch sagte: „Es ist besser so“. Wieso sollte ein Leben ohne ihn besser sein?

„Wo kann ich Dich finden?“ hatte sie ihn gefragt. Aber er hatte nur geantwortet „Such mich nicht!“. Dann war er fort.

Seitdem hatte sie viele lange Stunden auf ihn gewartet. Wie war sie gerannt, wenn es an der Tür klingelte oder das Telefon läutete. Und jedes Mal war sie wieder enttäuscht worden. Dabei fühlte sie, tief in ihrem inneren, dass er sie brauchte. Doch sie suchte ihn nicht. So hatte er es gewollt.

Das war nun schon so lange her, dass sie kaum begreifen konnte, wie schnell die Zeit vergangen war. Mit ihm war ihr Leben leuchtender, heller gewesen. Viel einfacher eben. Aber ohne ihn?  Sie hatte ihn, bis jetzt, nicht vergessen können. Wie würde das in Zukunft werden? Sie wollte ihm doch nur einmal noch sagen, wie sehr sie ihn liebte…

Nun lag sie im Bett, allein, und starrte an die Decke. Die Dunkelheit griff nach ihr mit langen, schwarzen Fingern.

Nie in ihrem Leben hatte Caroline sich vor der Finsternis gefürchtet, aber nun fing ihr Herz auf einmal an wie wild zu schlagen. Plötzlich sah sie überall im Zimmer schwarze Schatten auf sich zukommen. Sie kamen aus dem Schrank, unter dem Bett und der Türe hervor. Caroline wollte schreien, aber kein Laut wollte durch ihre Kehle dringen. Stattdessen tastete sie stumm und mit zitternden Händen nach dem Lichtschalter, um durch den Schein der Lampe die Schatten zu vertreiben.

Doch sie kamen näher, immer näher. Leise hüllten sie Caroline ein, zogen einen Kreis um sie. Sie fühlte wie eine Kälte von den Schatten ausging, die ihr die Glieder steif werden lies.

Caroline konnte nicht mehr richtig denken. Auch das Atmen fiel ihr von Sekunde zu Sekunde schwerer. Dann hörte sie einen Schrei. Seinen Schrei…

Dann endlich, nach endlosen Sekunden der Angst und des Entsetzens, hatte Caroline den Lichtschalter gefunden. Mit letzter Kraft schaltete sie das Licht ein.

Der matte Schein der Nachttischlampe fiel ins Zimmer und vertrieb die gierigen Schatten von ihrem Bett. Der Regen, der vorher noch seicht an ihr Fenster geklopft hatte, war nun eingeschlafen und machte einer bedrückenden Stille Platz. Gespenstisch!

Immer noch schlug ihr das Herz wie wild in der Brust und sie zitterte am ganzen Leib, doch sie war froh, dass der Spuk nun ein Ende hatte.

Vor dem Fenster gaben die Wolken den Mond frei, der nun seine silbrigen Strahlen durch das Fenster warf. Eine Nachtigal begann ihr Lied zu singen und die Insekten, die sich während des Regens irgendwo verkrochen hatten, stießen gegen die Fensterscheiben. Ruhe und Frieden breitete sich aus.

Caroline hatte sich inzwischen beruhigt. Sie zitterte nicht mehr und auch ihr Atem ging wieder normal. Sie löschte das Licht und sah aus dem Fenster. Sie spürte, dass sich etwas verändert hatte, dass sich ihr Leben von diesem Augenblick an ändern würde. Und sie wusste, dass es mit ihm zu tun hatte.

Als sie die Augen schloss sah sie wieder sein Gesicht. Jetzt war es ruhig und entspannt. Er lächelte ihr zu und zum ersten Mal seit Wochen tat es ihr nicht mehr weh an ihn zu denken, ihm in ihren Gedanken zu begegnen. Sie fühlte, er war da. Er war bei ihr, jetzt in diesem Moment. Und sie wusste, dass er sie liebte, sie immer geliebt hatte und sie auch weiterhin lieben würde, auch wenn sie sich nie wieder sehen würden. Denn er war tot.

Psst…! Weitersagen:

Kommentare

Erstellt von MichaelKuss (Author, Benutzer) on
0
Gleich im ersten Absatz drei mal "zog" und drei mal "sich", was nicht gerade zum Weiterlesen animiert. Dann doch weitergelesen und über zu viel an den Haaren herbeigezogene Dramatik gestolpert, die künstlich auf mich wirkte und nichts zum Spannungsbogen beitrug.