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Prolog

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WILLIAM BROWN JR. gehörte zu einer der angesehensten Familien in Springtime Falls. Sein Vater besaß das größte Bauunternehmen im ganzen County. Seit 1888 versorgte Brown Constructions jede Baustelle der Stadt mit Baumaterial, Gerüsten und Maschinen. Das Rathaus von Springtime Falls hatte William Brown Sr. gebaut, auch für den Kindergarten und die Brücke war er verantwortlich.
William Brown Jr. konnte solche beachtlichen Leistungen noch nicht nachweisen. Der gutaussehende Junge mit den flachsblonden Haaren war froh, dass er die Highschool mit durchschnittlichen Noten beendet hatte und nun in Chicago auf ein College gehen durfte. Und er war stolz darauf, eines der schönsten Mädchen von Springtime Falls erobert zu haben. Er hütete Kaysa wie seinen Augapfel, beschützte sie vor allen anderen Bewerbern und wusste genau, wie ihre Zukunft mit ihm aussehen würde.
»Wenn ich mit dem College fertig bin, komme ich zurück nach Springtime Falls und heirate dich«, sagte er an einem warmen Juniabend zu Kaysa, die im Garten seiner Eltern an ihn gelehnt saß. »Wenn ich später das Unternehmen meiner Eltern übernehme, wirst du ein gutes Leben an meiner Seite haben. Das beste, was man dir hier bieten kann. Du wirst sehen, du wirst das Leben einer Königin führen.«
Kaysa schmiegte sich an ihn. »Das ist noch lange hin.« Sie gähnte. Sie war müde von den Feierlichkeiten nach dem Schulabschluss. Die Prom-Nacht war anstrengend gewesen, auch die Feiern mit ihren Schwestern und ihren Eltern hatten ihren Tribut gefordert. Sie hätte auf der Stelle einschlafen können und verspürte nicht das geringste Interesse an einem Gespräch über ihre nähere und ferne Zukunft.
»Die vier Jahre auf dem College werden schnell vergehen. Ehe du dich versiehst, bin ich wieder hier«, fuhr Billy unbeirrt fort.
Kaysa war viel zu träge, um über ihre nächsten Worte lange nachzudenken, deshalb redete sie einfach drauflos. »Ich weiß gar nicht, ob ich in vier Jahren hier in Springtime Falls sein werde. Ich habe neben der Zusage für die University of Chicago auch Einladungen für Colleges in Michigan und Massachusetts. Ich habe mich noch nicht entschieden, wohin ich gehen werde. Es kommt darauf an, welche Uni das beste Design-Studium bietet.«
Mit diesen Worten hatte sie – in sprichwörtlicher Hinsicht – in ein Wespennest gestochen. William schob sie entsetzt von sich. »Du gehst auf kein College! Das haben wir doch schon diskutiert.«
»Das war doch nicht ernst gemeint«, winkte Kaysa ab. »Ich werde auf jeden Fall studieren.« Sie wollte sich wieder an William schmiegen, doch er ließ sie nicht an sich heran. Seine Miene drückte Empörung aus.
»Das war mein bitterer Ernst, Kaysa«, sagte er. »Du musst nicht studieren und deinen Kopf mit irgendwelchem Mist vollstopfen. Ich sorge für dich. Du kannst immer ein Leben in Luxus führen, ohne einen Finger krumm machen zu müssen.«
Kaysa war mit einem Schlag hellwach. »Ich möchte aber studieren«, beharrte sie. »Ich will Designerin werden. Neue Mode zu entwerfen ist das Wichtigste für mich. Hast du die Kleider gesehen, die meine Schwestern und ich zur Prom getragen haben? Die habe ich--«
»Das kannst du in deiner Freizeit gerne hin und wieder machen«, unterbrach William sie.  Er klang ruppig. »Dagegen spricht nichts. Auch für unsere Kinder darfst du dir Sachen ausdenken. Aber dafür musst du nicht studieren.«
»Ich weiß noch viel zu wenig über Mode und Design, ich muss noch viel lernen. Außerdem möchte ich in New York und Paris ausstellen und nicht nur in Springtime Falls. Dafür muss ich studieren.«
William sprang auf. »Wie kommst du denn auf solche Ideen?! Du wirst die Frau des angesehensten Bauunternehmers im ganzen County sein, dazu gehört ganz sicher nicht, dass du dich mit deinen Klamotten in New York oder Paris herumtreibst. Dein Platz ist hier an meiner Seite!« Er war laut geworden. So laut, dass sein Vater auf ihn aufmerksam wurde, der das Fenster zum Arbeitszimmer der großen Villa offengelassen hatte.
»Alles in Ordnung bei euch?«, rief William Braun Sr. ihnen zu. »Kommt ihr zurecht?«
»Ja«, rief Kaysa. »Nein«, rief William zur gleichen Zeit. »Kaysa will weggehen und mich verlassen.«
»Das ist doch gar nicht wahr«, erwiderte Kaysa und nahm Williams Hand in die ihre. »Ich werde bestimmt wiederkommen. In den Semester- und Weihnachtsferien werden wir uns hier sehen. Und falls wir zusammen in Chicago studieren, bleiben wir sowieso zusammen. Den meisten Highschool-Pärchen geht es so. Ich verstehe nicht, wo dein Problem liegt?!«
Das Problem lag ganz offensichtlich darin, dass Kaysa William zwar mochte und deshalb seit zwei Jahren mit ihm liiert war, aber durchaus noch andere Interessen besaß, wie das für junge Frauen in ihrem Alter völlig normal war. Sie flirtete gern und hatte hochfliegende Träume. Dass sie mit William ausging, lag vor allem daran, dass er der attraktivste Junge in der Schule war. Und dass er sie heftiger umgarnte als die anderen Jungs es getan hatten. Und dass er Konkurrenz schlagkräftig in die Flucht jagen konnte. Er war Quarterback im Footballteam der Highschool und durchaus muskulös gebaut. Doch trotz dieser Vorzüge bedeutete William für Kaysa nicht die Liebe ihres Lebens.
»Du wirst andere Männer kennenlernen«, sagte er schroff. »Das werde ich nicht zulassen. Du bleibst hier und wartest auf mich. Basta!« Er wurde wieder laut.
Kaysa schüttelte den Kopf. »Du kannst nicht über mein Leben bestimmen, Billy. Ich entscheide, was ich tue.«
»Ich bin auch dafür, dass Kaysa hierbleibt. Billy kann dir ein Leben in Luxus bieten, Kaysa. Meine Frau hat auch nicht studiert. Das ist nicht nötig gewesen. Aber könnt ihr euren Disput bitte woanders austragen?,« rief William Brown Sr. durch das Fenster. »Ich muss arbeiten.«
Billy schnappte Kaysa und zerrte sie unwillig durch den Garten.
»Wohin willst du?«, fragte sie.
»Dorthin, wo wir ungestört sind«, erwiderte er mürrisch und schleifte sie in sein Auto, einen schnittigen Porsche.
Kaysa setzte sich widerwillig in das Fahrzeug. Sie hatte überhaupt keine Lust auf diese Diskussion. Für sie stand fest, dass sie ihren Traum vom College nicht aufgeben würde, selbst wenn es bedeutete, dass sie sich von William trennen müsste.
William startete den Wagen und brauste durch das Tor des imposanten Anwesens auf die Straße.
»Billy, sieh es doch positiv«, versuchte Kaysa ihren Freund zu beschwichtigen. »Ich könnte dir neue Kunden einbringen, wenn ich auf dem College neue Leute kennenlerne, vielleicht sogar Designer, die später schicke Häuser haben wollen. Es kann nur zu deinem Vorteil sein.«
»Du wirst andere Männer kennenlernen, die mit dir ins Bett wollen«, erwiderte Billy ungehalten und trat aufs Gaspedal. Der Porsche raste mit neunzig Meilen pro Stunde über die Hauptstraße von Springtime Falls. Kaysa wurde es mulmig zumute.
»Du solltest langsamer fahren, Billy«, sagte sie. »Du bist zu schnell!«
»Vielleicht bringe ich dich so von deinem Vorhaben ab. Wenn du einstimmst, dass du hierbleibst, fahre ich langsamer.«
Er wartete auf eine Antwort, als jedoch keine kam, drückte er noch mehr aufs Gaspedal. Hundert Meilen pro Stunde.
»Billy, du bist wahnsinnig!«, rief Kaysa entsetzt und klammerte sich an ihrem Sicherheitsgurt fest. Sie hatten inzwischen Springtime Falls verlassen und rasten über die Interstate. Billy beschleunigte auf hundertfünfzig Meilen pro Stunde.
»Billy!«, schrie Kaysa panisch. »Bitte fahr langsamer. Du wirst uns beide umbringen!«
»Vielleicht sollte ich das tun«, antwortete William. »Dann hat sich das Problem endgültig erledigt.«
»Du bist wahnsinnig!«, rief Kaysa, der inzwischen alles Blut aus dem Gesicht gewichen war. »Bitte, fahr langsamer!«, flehte sie.
»Dann sag, dass du nicht aufs College gehen, sondern hier bleiben wirst!«
Billy überholte einen langsameren Wagen, während er in eine unübersichtliche Kurve einbog. In diesem Augenblick kam ihnen ein Lkw entgegen. Kaysa kreischte panisch auf.
»Billy! Fahr endlich langsamer!«
Mit einem Schlenker in letzter Sekunde brachte William den Porsche zurück auf die rechte Straßenseite, nur um gleich wieder einen anderen Wagen zu überholen.
»Billy, bitte!«, flehte Kaysa.
»Dann sag es!«, forderte William zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch. »Sag, du wirst nicht studieren und hier bleiben, bis ich wiederkomme.«
Kaysa begann zu schluchzen. Sie wollte ihre Träume nicht aufgeben, und erst recht nicht auf diese Weise. Aber wenn sie es nicht tat, würde sie vermutlich gleich alles verlieren und als menschlicher Fleischhaufen unter einem Truck oder an einem Baum landen. Das wäre noch schlimmer.
»Okay«, sagte sie leise.
»Was?«, rief Billy, der es lauter und deutlicher hören wollte. »Ich kann dich nicht verstehen.« Er gab noch einmal Gas, um Kaysa die Antwort zu erleichtern. Er raste mit fast hundertachtzig Meilen pro Stunde über die Interstate. Die Landschaft zischte an Kaysa vorüber, ihr Herz raste, ihre Hände krallten sich am Sitz fest. Sie musste es sagen, wenn sie überleben wollte.
»Ich bleibe hier«, rief Kaysa, während die Tränen über ihr Gesicht liefen. »Ich werde nicht studieren, sondern in Springtime Falls auf dich warten.«
Kaum hatten die Worte Kaysas Mund verlassen, nahm Billy den Fuß vom Gaspedal. Der Wagen rollte zurück in den Bereich der erlaubten Geschwindigkeiten.
Kaysa hätte gern erleichtert aufgeatmet, weil die Gefahr gebannt war, aber sie fühlte sich viel zu unglücklich dafür. Waren damit all ihre Träume zerbrochen? Würde sie ihre Hoffnungen und Sehnsüchte an der Seite von Billy begraben müssen? Noch mehr heiße Tränen bahnten sich den Weg über ihre Wangen.
»Du wirst sehen, es ist zu deinem Besten«, sagte William, während er wendete und zurück in den Heimatort fuhr. »Ich werde dir ein fantastisches Leben bieten, in dem es dir an nichts mangeln wird. Eines Tages wirst du mir dankbar sein.« Er lächelte zufrieden über den Ausgang dieses Ausflugs. Manchmal brauchten Frauen ein bisschen männliche Überzeugungskraft, bis sie merkten, wo ihr Platz war.
Kaysa antwortete nicht, sondern saß schweigend neben ihm, während sie heimlich die Tränen aus ihrem Gesicht wischte. Stumm befahl sie sich, keine mehr fließen zu lassen. Sie versuchte außerdem, ihre bebenden Hände zur Ruhe zu bringen. Billy sollte nicht sehen, wie tief er sie erschüttert und getroffen hatte. Aber das war noch nicht alles.
Als Kaysa zum Anwesen der Browns zurückkam und mit zitternden Knien aus dem Porsche stieg, hatte sich eine Wandlung in ihr vollzogen.
Sie war zu einer anderen Frau geworden.
 

Fortsetzung folgt...

6 Jahre später PHILIPP STOLTZ RÄUSPERTE sich zum gefühlten hundertsten Mal, bevor er an der Tür seiner Nachbarin klingelte. Als sich die Tür nur einen Moment später öffnete, hielt er ihr einen Strauß weißer Rosen unter die Nase. »Kaysa, alles Gute zum Valentinstag«, sagte er und bemühte sich, cool und lässig zu klingen. Doch trotz seiner hundert Hüsteleien hatte sich doch ein Frosch in seine Stimme geschmuggelt und ließ ihn eher wie ein Teenager im Stimmbruch klingen.

Psst…! Weitersagen: