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10/10
Von: antjeb

Eine Mitarbeiterin vom ZDF

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Eine Mitarbeiterin vom ZDF   In der folgenden Story hatten zwei außerordentlich liebenswürdige und hilfsbereite Frauen vom ZDF, zum einen eine Sekretärin und zum anderen eine Disponentin, das Unmögliche möglich gemacht. Beide Ladys bestachen mit einem übergroßen Arbeitseinsatz.
Der Reihe nach.
Am 16.09.13. um 7:43 Uhr fuhr ich  mit der Linie 109 vom Zoo zum Flughafen Tegel. Als ich auf die erste Haltestelle Richtung Tegel zufuhr, war ich über die dortige Menschenansammlung zwar nicht erstaunt, stellte mir aber doch die Frage: „Man eh, müssen die nun alle bei mir mitfahren? Ich bin doch nicht der einzige Bus, der zum Flughafen fährt. Könnte sich die Kundschaft eventuell auch auf andere Busse verteilen?“
Um 8:21 Uhr wich ich von der Fahrplanauskunft schon 9 Minuten ab, doch endlich erreichte ich den U-Bahnhof Jakob-Kaiser-Platz. Hinter mir fuhr der X9‘er, der ebenfalls die Haltestelle ansteuerte. Leider wurde diese Buslinie von den wartenden Fahrgästen nicht in Anspruch genommen. Bestimmt gingen die Menschen an diesem Haltepunkt davon aus, dass, wenn ich als erster  an die Haltestelle führe,  diese auch als erste verlassen werde. Diese Annahme passt in die Kategorie „Die größten Irrtümer der Menschheit“. Der nächste Schwung Menschen stand zusammen mit Koffer und Taschen vor meinem Bus. Oh Gott, wie soll ich die denn hier noch unterbringen? Oft bin ich über die Aufnahmekapazität eines Busses erstaunt. Für mich aber platzte mein Bus rein optisch gesehen aus allen Nähten. Zweimal machte ich Lautsprecherdurchsagen, dass hinter meinem Bus der X9‘er stünde, dessen Fahrer sich auch über Fahrgäste freuen würde. Es interessierte niemanden, im Gegenteil, es wird gedrängelt, was körperlich möglich ist. Dann endlich, ich hatte es schon richtig vermisst, kam die Frage von einem Fahrgast: „Ist wieder ein Bus ausgefallen?“
„Nee, nicht dass ich wüsste. Nur ein paar Sekunden vor mir ist doch der X9 abgefahren.“
„Ich will nicht den X9’er wissen, sondern ob der 109 ausgefallen ist?“
„Nein, Junger Mann, wir sind alle im Rennen, nur hat jeder von uns ca. 10 Minuten Verspätung.“
„Sie wollen mich wohl verarschen. Hier fährt schon seit 25 Minuten kein Bus.“
„Meister, ich sehe noch die Rücklichter vom X9, diesen hätten Sie auch nehmen können.“
„Wollen Sie mir vorschreiben, welchen Bus ich zu nehmen habe? Woo  war  der  109 er ?“
„Keine Ahnung, ich werde mich erkundigen. Bis dahin gedulden Sie sich bitte und machen Platz für die anderen fröhlichen Fahrgäste.“
Manchmal haben drängelnde Mitfahrer doch etwas Gutes. Noch bevor er etwas erwidern konnte, wurde er von dem Fahrgaststrom mitgerissen. Praktisch weggespült. Ganz zum Schluss betrat eine sehr große schlanke, in schwarz gekleidete Dame durch die erste Tür den Bus. Ihre langen, blonden ungepflegt verzottelten Haare standen im krassen Gegensatz zum Outfit. Zwei größere Handtaschen und einen kleinen Koffer trug sie bei sich. Sie schaute mich mit diesem LMAA Blick für den Bruchteil einer Sekunde an und beim sich Wegdrehen ließ sie mich schnippisch wissen: „Ich habe eine Monatsmarke.“
Voll Nichtachtung meiner Person, gab sie sich ganz dem Versuch hin, mit drücken auf die anderen Fahrgäste, noch mehr Platz für sich zu erkämpfen. Wer mich aus den vorangegangenen Geschichten schon kennt, der weiß, dass das ein Verhalten ist, das ich auf den Tod nicht ausstehen kann und bei niemandem kommentarlos dulde. Kommt ein Fahrgast und sagt: „Ich stelle nur eben meine Taschen ab und zeige Ihnen dann den Ausweis“- so zeugt das für mich von Höflichkeit und Anstand und genau diesem Fahrgast erspare ich das Raussuchen seines Tickets. Diese Dame aber war unhöflich und allem Anschein nach schlecht gelaunt, also konnte es mit ihrem Gemüt nicht weiter Berg abgehen. Da sie auch keinen Erfolg beim Drängeln zu haben schien, musste sie notgedrungen neben mir stehen bleiben und ich ließ mich zu der Aussage hinreißen: „Vielen Dank für die Information, eine Monatskarte zu besitzen, ich weiß sie zu schätzen. Dennoch, meine Aufmerksamkeit gehört ganz Ihnen und ich möchte nur zu gern einen Blick auf ihr Ticket werfen.“
„Sie fahren ja gleich ab und während der Fahrt darf man das nicht.“ – konterte sie.
„Ach, unsere Abfahrt die verzögert sich.“ - noch immer zeigten die draußen Stehenden, dass ihr Kampfesgeist einiges zu bieten hatte. Der X 9 und auch der nächste 109,er fuhren indes an mir vorbei.
Ich fügte hinzu: „Erlauben Sie mir die Zusatzbemerkung. Es ist Ihnen verboten, mit mir während der Fahrt ein Pläuschchen zu halten, das stimmt. Aber Sie müssen auch bemerken, dass ich stehe und mich ganz Ihnen widme.“ 
Sie darauf ignorant: “Sie erwarten doch nicht wirklich, dass ich Ihnen mein Ticket zeige? Diese Vorzeigerei ist reinster Schwachsinn. Sie können eh nichts erkennen.“
Wegen der Bemerkung ‚Sie können eh nichts erkennen‘ brodelte es in meiner Halsschlagader. Was bildet sich diese Schrabnella eigentlich ein? –Natürlich dachte ich das nur. Ich stand schon gute drei Minuten an der Haltestelle und es versuchten immer noch Fahrgäste einzusteigen daher, konnte ich, geistig ein paar Optionen prüfen, wie ich mich ihr gegenüber verhalten könnte. Gegen jeden renitenten Fahrgast gibt es einen geeigneten Absatz in meiner Dienstvorschrift. Einzig und allein der Blick in den Innenspiegel ließ mich umdenken. Das sind immer die Momente, in denen ich zugunsten des Publikums einen Rückzieher mache. Also schloss ich die erste Tür, fuhr aber immer noch nicht ab, weil der Fahrgast, der schräg hinter mir saß, aufgestanden war, um mich etwas zu fragen. 
Die Chance des „frei“ gewordenen Sitzplatzes nutzte die Lady. Sie schwang sofort ihre Beutel auf den Sitz und ließ sich auf selbigen völlig erschöpft fallen, obwohl sie die ältere Dame, die schon sehr lange im Gang gestanden hatte, eindeutig gesehen haben musste. Auch der Mann protestierte und verwies darauf, dass er da säße. Mit einer patzigen Antwort fertigte sie ihn ab und wurschtelte weiter mit, und an ihrem Gepäck. Jetzt verließ mich mein Frohsinn endgültig. Ich wurde so sauer, wie vergessene H- Milch in praller Sonne. Mir reichte ihr arrogantes, selbstgefälliges Benehmen. Ich bat sie über die Bordsprechanlage, die ältere Dame dort sitzen zu lassen. Ich nahm an, es würde ihr peinlich sein, dass nun einige Augenpaare sie anstarren würden. Aber es gibt  Menschen, die sind sich für nichts zu schade. Ihre laute und deutliche Antwort: „Es könnte doch wohl ein männlicher Fahrgast aufstehen.“
Es geschied selten, dass ich Sprachlos bin, aber ich brachte nur noch ein: „Ich werde hier gleich zum Klitschko“ –heraus.
Die Omi sagte: „Lass mal Kindchen, offensichtlich bin ich besser auf den Beinen als die da. Lass uns mal abfahren.“
„In Ordnung.“
 Ich beobachtete die Frau durch den Innenspiegel und mir fiel ihr eingefallenes blasses Gesicht auf. Ihre Augenringe konnten dem Saturn Konkurrenz machen. Diese Frau war verbraucht. Sie ließ sich gehen und besaß offensichtlich keine Stärke, sich zu motivieren. Zum Glück noch drei Haltestellen, dann habe ich Tegel erreicht und unsere Wege trennen sich. Auf den restlichen Metern bat ich das Universum: „Bitte kein Wiedersehen mit dieser Person.“
Am Flughafen angekommen, muss es ihr ein Bedürfnis gewesen sein, als erste den Bus zu verlassen. Ohne Rücksicht drängelte sie mehrere Fahrgäste beiseite, die vor ihr aussteigen wollten und brabbelte etwas. An dieser Stelle konnte man nur noch mit dem Kopf schütteln. Über ihr ‚Auf Wiedersehen‘, was mir galt, war ich dann doch erstaunt, rief ihr aber hinterher: „Bloß nicht.“ Und etwas leiser „Möger das Universum deinen Weg mit Bananschalen pflastern.“
Ich kam gute zwölf Minuten zu spät in Tegel an, und die nächsten Fahrgäste standen schon an der Haltestelle. Für die vorgeschriebene Bus – Innenkontrolle blieb mir nur ein Blick in den Spiegel. Das Malheur auf dem Sitz, auf dem dieses Geschöpf gesessen hatte, sprang mir sofort ins Auge. Oooh nein! Alles, aber nicht das. Wie kann man nur so schusselig sein und seine Handtasche liegen lassen? Ich wagte zu bezweifeln, dass die Frau den Verlust ihrer Tasche verkraften würde. Und ich? Ich war stink sauer. Schon zum dritten Mal innerhalb eines Monats hielt ich das ganze dokumentarische Leben, inklusive Wohnungsschlüssel, eines Menschen in den Händen. Ich öffnete die Handtasche Sch… ,vollgestopft mit Dingen, die nur eine Frau bei sich trägt. Noch immer waren keine Fahrgäste in meinen Bus eingestiegen. Ich  konnte meinen Unmut kurz durch mehrere, nicht für jugendliche unter 18 Jahren geeignete, kleine Flüche raus lassen, ohne dass mich jemand hörte. Ich hatte keine Zeit, den Bus zu verlassen und der Dame hinterher zu jagen. Ich rätselte, wer mir diese Tasche abnehmen dürfte ? Es war eine Fundsache aus dem Bus, die kann ich nicht einfach jemandem aushändigen, der die Frau eventuell per Lautsprecher hätte informieren können. Auch bin ich nicht berechtigt, wegen der Schusseligkeit eines anderen, mit dem Bus deutlich verspätet abzufahren. Mein Verstand und das Herz lieferten sich einen Zweikampf, welche Maßnahme sinnvoll wäre. Wieder war es mehr mein Herz, als mein Verstand, das mir sagte: Los, gib alles! Mach die Frau ausfindig! Sie benötigt diese Handtasche dringend. Ich hielt nämlich auch Ihr Flugticket in der Hand. Meine Leitstelle. Die sind für - lass ein Wunder geschehen - bekannt. Ich hatte Glück, kaum war der Sprechwunsch gesendet, meldete sich diese. Ich bat darum, mir dringend den Verkehrsmeister zu schicken, der sehr oft am Flughafen Dienst hat. Oft ja, an diesem Tag natürlich nicht! Damit wurde ich mit dem nächsten Problem konfrontiert. Bei meiner Ankunft am Zoo wurde ich zu meiner Pause abgelöst. Das Ausfüllen, der mindestens sechs benötigten Fundzettel, bis zu meiner Ablösung war nicht zu schaffen. Mein Kollege aber ist nicht befugt, die Fundsache ohne diesen bürokratischen Zettelwust zu übernehmen.
Also blieb nichts anderes übrig, als diese ‚wunderbare‘ Aktivität mit in die Pause zu nehmen, um mich dann der Auflistung ihrer Rumpelkammer zu widmen.
Ich vereinbarte mit dem Mitarbeiter der Leitstelle, dass ich die Tasche bei mir behielte. Anschließend würde ich selbige Fundsache mit auf den Bus nehmen, auf dem ich danach fahre. Tolle Pausenbeschäftigung! Warum Kaffe trinken oder etwas essen, wenn es eine Handtasche zu durchstöbern gibt?
Während ich mit der Leitstelle funkte, ließ ich die ‚neuen Fahrgäste‘ einsteigen und betrachtete weiter den Inhalt der Tasche. Mir fiehl ihr Portemonnaie in die Hände und ich stellte fest Frau und Ledertaschengeldbörse hatten eins gemeinsam, ihre besten Tage lagen hinter ihnen. Dafür besaß sie jede Menge Plastikkarten, die das Herz höher schlagen lassen. Ich bin immer begeistert, wenn ich Brieftaschen finde, die eine Visa Karte beherbergen. Unschlagbar EC- Karten inklusive, Pin und Personalausweis, wahlweise noch der Führerschein. Inklusive Wohnungsschlüssel.
Was gab es noch? - einen Presseausweis und einen Betriebsausweis. Aha, Madame arbeitet für das ZDF.  Keiner dieser Funde riss mich wirklich vom Hocker. Ich kramte, in der Hoffnung auf eine ganz spezielle Ausgrabung, in der Tasche rum. Im Endeffekt fand ich ein schönes Handy, Schminke, Haarbürste, die dringend gereinigt werden musste, weiteres Geld, Bonbons, weitere Schlüssel. Endlich, dass, was ich suchte. Ein dickes fettes Notizbuch mit vielen Telefonnummern. Die Zeit arbeitete mal wieder gegen mich. Sowohl meine Mobbingbox (Technisch überwachter Abfahrt, Durchfahrt und Ankunftscomputer) als auch die inzwischen eingestiegenen Fahrgäste signalisierten mir die Abfahrt von Tegel. Ich schaffte es noch, eine Nummer aus dem Buch der Dame in mein Handy einzutippen.
Um einem Polizisten nicht die Zornesröte ins Gesicht zu treiben, weil ich beim Busfahren mit einem Handy in der Hand unterwegs war, musste mal wieder ein Fahrgast als mein Assistent herhalten. Ein sehr netter Mann, der gleich vorne saß, erhielt den Zuschlag. Er musste mein Handy  halten und ich erzählte der völlig überrumpelten Frau am anderen Ende, nun über die Freisprechanlage, von meiner „Entdeckung“ und dass ihre Hilfe dringend nötig sei. Eine einzige Frage von dieser Dame holte mich in die Realität zurück:
 „Wie heißt denn die Verliererin? „
„Wie? Wie sie heißt? Keine Ahnung, kennen Sie die Telefonnummer nicht?“
Nein, - sie kannte die Telefonnummer nicht.
Ich befragte das Orakel, die Visa Karte, und nannte ihr den Namen.
„Ach die Tatjana, ja, die kenne ich. Die arbeitet beim ZDF. Rufen Sie doch dort an,  die helfen  bestimmt.“ -sagte die mir Unbekannte.
„Nee, ich kann da nicht auch noch anklingeln, ich fahre einen Bus. Darum rufe ich Sie ja an. Könnten Sie sich bitte darum kümmern? Meine Telefonnummer haben sie ja.“
Wir verblieben so, dass jene Unbekannte beim Arbeitgeber der Dame anrufen wollte. Während ich mit meinem Bus zur Endstelle fuhr, von meinem Kollegen in Empfang genommen wurde und ihm die Story brühwarm erzählte, machte sich beim ZDF ein Engel an die Arbeit, der Verliererin zur Hilfe zu eilen. Damit sie ihr Flugticket doch nocht rechtzeitig bekommen würde. Es war die Sekretärin, die als Erste den Hilferuf auf ihrem Schreibtisch hatte. Sie koordinierte alle weiteren Schritte, wie es nur eine Frau vom Fach kann. Als erstes rief sie bei der Disponentin der Dame an, erklärte kurz den Sachverhalt, gab ihr meine Telefonnummer und bat sie, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Dann rief sie mich an, um mich über den Ablauf zu informieren. Es war eine außergewöhnlich aufgeschlossene, herzliche und sehr, sehr humorvolle Frau, die entzückt war, dass es noch ehrliche Menschen gibt, die Taschen abgeben und sich dabei zusätzlich Arbeit aufhalsen. Offen gesagt, es war diese Sekretärin, die mir meine gute Laune zurückgab. Kaum aufgelegt, klingelte mein Telefon erneut. Jetzt war es die Disponentin. Auch sie eine lustige Person, mit der man  herrlich lachen konnte. Sie ließ mich wissen, dass sie sich freue, Kenntnis davon zu haben, dass die Dame zu spät zum Dienst kommen würde. Ich war neugierig, was genau sie getan hatte, um der Verliererin Bescheid zu geben. Sie ließ die Frau ausrufen. Das Flughafenpersonal gewährte der Dame einen kostenlosen Anruf beim ZDF und hier erfuhr die Frau, wo ihre Tasche derzeit deponiert war. Leider musste der Flug storniert werden, aber ihr Hab und Gut ward gefunden und bald würde sie es in den Händen halten. Kurz schilderte ich der Disponentin meine nicht so optimal verlaufene Begegnung mit der Dame in Schwarz und sie gab mir Recht, dass jene müde und ausgelaugt erschien. Es lag wohl daran, dass sie als freiberufliche Regisseurin tätig ist und hart für ihr Geld arbeiten muss. Das glaube ich unbesehen. Trotzdem sollte jeder bedenken, dass es im Leben immer gerecht zugeht. Also wird sie das, was sie derzeit ausstrahlt, irgendwann Retour bekommen. Das Gesetz der Anziehung funktioniert immer tadellos.
Wir verabredeten, dass ich mich nach Übergabe der Tasche noch einmal telefonisch bei ihr, der Disponentin, melden würde. In den letzten fünf Minuten Pause gönnte ich mir einen Kaffee und freute mich diebisch, weil alles nach Plan verlief und ich rechnete mit einem strahlenden, glücklichen Gesicht der Verliererin. Wieder auf dem Bus, wurde ich direkt von meinem Kollegen, der mich abgelöst hatte, angefunkt: „Sage mal, haste noch die Tasche?“
„Ja klar, was soll ich denn sonst damit gemacht haben?“
„Na dann freu dich auf die Alte. Die hat übelste Laune, motzt rum und zieht ne Fresse, das glaubst Du nicht. Ich wünsche dir schon mal viel Spaß mit der.“
Gut, so hatte ich sie ja in Erinnerung. Na schauen wir mal.
Am Flughafen angekommen, sah ich schon von Weitem dieses verbissene, unlustige Gesicht. Es veränderte sich auch nicht, als ich die Türen öffnete. Im Gegenteil, ich musste sie hart anfahren, denn sie hatte die Absicht einzusteigen, noch bevor die anderen ausgestiegen waren.
Kein nettes Wort, nur: „Wen haben Sie angerufen?“
„Weiß ich nicht. Es war eine wahllos herausgesuchte Nummer.“
„Sie müssen doch wissen, wen Sie angerufen haben! Ich finde es überhaupt nicht nett, dass Sie mein Telefon dafür benutzt haben. Sind meine Sachen noch vollzählig?“
Jetzt lief mir die Galle über. Dementsprechend böse fiel die Antwort aus: „Ich konnte in Ihrer Müllhalde nichts Brauchbares finden. Sie könnten Ihre Haarbürste mal säubern und im Übrigen habe ich nicht Ihr Handy, sondern mein eigenes benutzt.“
„Würde es Ihnen viel ausmachen, wenn Sie mir die Nummer geben, die Sie angerufen haben?“ - fragte sie mich, ein bisschen zahmer.
Eine, diese Szene beobachtende Frau, mischte sich ein und wandte sich an die Lady: „Ist Ihnen die Freundlichkeit so zuwider, dass Sie die Fahrerin, die Ihnen geholfen hat, so herablassend behandeln müssen?“
„Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten“ - war die prompte Antwort.
Ich, geistig völlig verwirrt, weil mir Derartiges noch nie, wirklich nicht einmal ansatzweise wiederfahren ist, fischte mein Handy heraus, öffnete mein Telefonprotokoll und zeigte ihr die Nummer. Sie nahm mir mein Handy einfach aus der Hand. Gut, das besorgte mich nicht, da ich noch immer ihre Tasche auf dem Schoß hielt. Sie brabbelte, dass ihr die Nummer unbekannt sei. Dann machte sie etwas, was ich bis an mein Lebensende nicht vergessen werde. Sie besaß dasselbe Handy wie ich, kannte sich damit also aus und schwupp die wupp, drückte sie auf Wahlwiederholung und ließ sich verbinden. Ich war handlungsunfähig, starrte die Frau an und überlegte, ob ich träumte. Kann ein Mensch so rotz frech und dreist sein? Der absolute Höhepunkt war dann ein Gespräch. Unglaublich!! Ich hätte schon längst  abfahren müssen, konnte aber nicht, weil  die mit meinem Handy palaverte und der ihr nun doch bekannten Frau alles lang und breit schilderte. Inklusive des stornierten Fluges, weil sie ihrer Tasche hinterher rennen musste. Das reichte. Ich knallte die Tasche auf den Tisch, griff nach meinem Handy und nahm es ihr weg: „Das Gespräch ist beendet! Sie unterschreiben mir jetzt hier, dass Sie ihre scheiß Tasche bekommen haben. Wagen Sie es nicht, jetzt oder später zu behaupten, es würde etwas fehlen. Unterschreiben Sie und verlassen Sie sofort den Bus.“
Ich hatte sie so angefahren, dass sie nicht wagte, auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen. Sie unterschrieb und zog von dannen. Mit über sechs Minuten Verspätung, wegen dieser Person, fuhr ich emotional am absoluten Tiefpunkt angekommen, von Tegel ab. Ich hätte im Leben nie gedacht, dass mir solch ein Mensch begegnen, und es mich persönlich mitnehmen würde. Mir fiel das Gesetz der Anziehung ein und noch heute überlege ich, wann ich mich einem anderen Menschen gegenüber so verhalten haben könnte, dass ich diese Erfahrung machen musste.    Noch ist mir nichts eingefallen, ich denke angestrengt darüber nach.

 

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Kommentare

Erstellt von lutzr (Benutzer) on
0
Was für ein Erlebnis und wie "Dankbar "doch so Menschen sein können
Erstellt von Karsten (Benutzer) on
0
Und nach diesem Erlebnis musst Du wieder freundlich, hilfsbereit und nett sein
Erstellt von SannySchneck (Benutzer) on
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Leider gibt es solche Menschen immer wieder. Ich glaube nicht das Sie sich jemals jemanden gegenüber so verhalten haben, daß es gerechtfertigt wäre das diese Person Sie so behandelt. In dem Leben dieser Frau muß einiges schief gelaufen sein. Sie haben alles richtig gemacht. Liebe Grüße aus Lübeck