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Erdbeermund und Todeskuss

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PROLOG

Sie bürstete zuerst ihr langes, blondes Haar. Es fiel in weichen, sanften Wellen wie ein goldener Wasserfall über ihre Schultern in die Mitte ihres Rückens hinab.
Zufrieden lächelte sie ihr Spiegelbild an. Das Licht im Badezimmer zauberte einen seidigen Schimmer auf die Haare und einen Perlmuttton auf ihre zart gebräunte Haut.
Nach einem prüfenden Blick auf ihre schlanke Figur lief sie, nackt wie sie war, barfuß hinüber in ihr Schlafzimmer und öffnete den Schrank. Er war nicht voll, so dass sie nicht lange suchen musste, bis sie eine leuchtendrote Bluse und einen passenden BH fand. Dann holte sie einen schwarzen Slip und eine dunkle Strumpfhose aus dem Schubfach. Nachdem sie die Sachen angezogen hatte, streifte sie einen engen, kurzen Rock über ihre Hüften. Er saß wie angegossen.
Danach lief sie zurück ins Badezimmer und stellte sich dicht vor den Spiegel, um ihre Augen mit einem Kajalstift zu betonen. Mit etwas Mascara verdichtete sie ihre langen Wimpern, so dass sie noch ausdrucksvoller wirkten. Danach nahm sie einen erdbeerroten Lippenstift und trug ihn auf ihrem Mund auf. Sie presste die Lippen aufeinander, um die Farbe besser zu verteilen, dann trat sie einen Schritt zurück, um sich erneut prüfend zu betrachten.
Sie sah umwerfend aus. Attraktiv, sexy und verführerisch.
Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem zufriedenen Lächeln, bevor sie ihrem Spiegelbild in spielerischem Flirt eine Kusshand zuwarf.
Sie löschte das Licht im Badezimmer und ging in den Flur, wo sie sich schwarze, hochhackige Pumps anzog. Neben den High Heels standen, wie ungeliebte Stiefbrüder, schwere Männerschuhe und ausgetretene Hauslatschen. Sie würdigte die alten Schuhe keines Blickes und nahm eine schmale, schwarze Handtasche von der Kommode neben der Tür. Danach verließ sie die Wohnung.

Mit einem eleganten Hüftschwung betrat sie die Bar und sah sich um. Die meisten Tische waren besetzt, an der Bar lehnten und saßen ebenfalls Gäste. Bei ihrem Eintreten hatten sich ihr sofort mehrere Gesichter zugewandt. Ein Mann nickte ihr wohlwollend zu, ein zweiter lächelte anerkennend.
Sie sah wirklich gut aus, das bemerkten auch die Fremden.
Sie ging an die Bar und bestellte einen Gin mit Tonic. Als sie sich auf einen Barhocker setzen wollte, ertönte eine tiefe Männerstimme hinter ihr. »Ich bin froh, dass du gekommen bist. Aber du bist eigentlich viel zu schön für dieses Etablissement.«
Sie lächelte und drehte sich zu dem Sprechenden um. »Danke für das Kompliment. Ich habe gehofft, dass ich dir gefalle.« Sie betrachtete ihr Gegenüber kritisch und nickte zufrieden. Er hatte ebenfalls nicht zu viel versprochen.
»Du gefällst mir mehr, als ich erwartet habe«, erwiderte er charmant. Er nahm ihre Hand und drückte einen sanften Kuss auf ihr Handgelenk.
Ein feiner Schauer durchrieselte ihren Körper bei dieser altmodischen Geste und dem Gefühl seiner warmen Lippen auf ihrer Haut.
»Irgendwie habe ich geahnt, dass du ein Gentleman alter Schule bist«, sagte sie und versuchte, ihrer Stimme einen scherzhaft, lockeren Klang zu geben, um ein freundschaftliches Miteinander vorzutäuschen, obwohl ihr bereits klar war, dass er nicht mehr viel tun musste, um sie zu verführen.
»Woher wusstest du das? Von meinen langweiligen Mails im Chatroom?«
»Sie waren niemals langweilig, eher aufregend. Ich mag, was du über dich erzählt hast. Ich liebe Männer in Uniform.«
Er lachte. »Das tun so gut wie alle Frauen. Ich frage mich immer, warum?«
»Weil wir das Gefühl haben, dass uns ein Mann in Uniform beschützen kann. Und weil er Autorität ausstrahlt.«
»Das findest du sexy?«
Sie nickte. »Und wie!«
Er kam einen Schritt näher und hielt seinen Mund an ihr Ohr. »Du hast geschrieben, dass du es magst, wenn ein Mann dich fesselt. Hast du das im übertragenen Sinne gemeint oder im wortwörtlichen?«
Sie lächelte. »Das verrate ich dir nicht. Das musst du selbst herausfinden.«
»Wollen wir dafür hierbleiben oder lieber woanders hingehen?«, fragte er leise.
»Entführe mich irgendwohin«, flüsterte sie.
»Ich kenne einen Ort, wo wir ungestört sind und wo du mit deiner Schönheit hingehörst.«
»Wo wäre das?«
»Lass dich überraschen.«
Er lächelte und zog sie sanft vom Barhocker. Um ihre Nervosität loszuwerden, nahm sie einen Schluck von ihrem Gin Tonic, den der Barkeeper unbemerkt neben sie gestellt hatte. Dann lief sie an der Hand des Mannes aus der Bar.
Zurück blieb der erdbeerfarbene Abdruck ihres Lippenstiftes auf dem Glas. 


DER BRIEF


Grace Boticelli hielt den Brief mit spitzen Fingern weit von sich gestreckt, als wäre er eine kranke Ratte mit einer tickenden Bombe am Schwanz. Das Schreiben war aus festem, beige farbenem Papier mit dezentem Streifenmuster. Das Material fühlte sich hart und rau an, fast ein wenig wie Packpapier. In der linken Ecke prangte in prunkvollen, goldenen Lettern die Adresse des Absenders: Boden, Fernandez & Collier, 900 Ocean Drive, San Francisco. Eine Anwaltskanzlei von der Westküste.
Es ist erstaunlich, wie viel Respekt eine sonst sehr mutige, junge Frau vor dem Schreiben einer Anwaltskanzlei haben kann. Grace hatte in ihrem Leben bereits einen bewaffneten Einbrecher angeschossen, einen erfahrenen Autodieb verfolgt, bis dieser aufgab, und im Alleingang einen brutalen Räuber verhaftet. Aber als sie den Brief von Boden, Fernandez & Collier in den Händen hielt, klopfte ihr Herz, als wäre er die Aufforderung zu einem Kampf, bei dem es um Leben oder Tod ging.
Um gleich von Anfang an ganz ehrlich zu sein, muss ich zugeben, dass ich den Umschlag ohne Zögern aufgerissen und den Inhalt gelesen hätte, ohne mich lange damit zu quälen. Ich habe von jeher Autoritäten und Respektpersonen behandelt wie meinesgleichen. Ich finde, es ist besser, wenn man ihnen ebenbürtig entgegentritt. Aber meine Meinung spielt in diesem Fall keine Rolle. Denn das ist nicht meine Geschichte, jedenfalls noch nicht. Das wird sie erst später. Jetzt ist es noch die Geschichte von Grace Boticelli, die ich erzähle, und Grace hatte viel zu viel Respekt vor Anwälten und verspürte ein äußerst ungutes Gefühl in der Magengegend beim Anblick des Briefes.
Post von Anwälten bedeutet selten etwas Gutes, dachte Grace. Habe ich was ausgefressen? Will mich jemand verklagen?
Grace studierte den Namen und die Anschrift des Adressaten, als wären sie der tickende Zünder an einer Bombe. Grace Boticelli, 1439 Houston Street, San Antonio/Texas. Es gab keinen Zweifel. Der Brief galt ihr. Und da er nicht an ihre Arbeitsstelle gerichtet war, musste seine Nachricht etwas mit ihr persönlich zu tun haben und sich nicht auf die Arbeit beziehen.
Verdammt! Darin stand bestimmt nichts Gutes!
Grace fühlte den Umschlag an, als ob sie von außen schon auf den Inhalt schließen könnte, aber es raschelte nur leicht. Mehr war nicht zu ertasten. Ihr Hirn ratterte auf Hochtouren. Der Brief war nicht dick, also konnte sich darin keine komplette Klageschrift befinden. Höchstens eine Information über eine Klageschrift. Möglicherweise handelte es sich aber auch um eine Vorladung. Nein, die sahen meistens anders aus. Oder war es ein Bogen zur Zeugenbefragung? Der würde in einem größeren Umschlag kommen. Oder wollte ihr jemand einen Streich spielen? Der Brief wirkte pompös, eher einschmeichelnd als bedrohlich. Wollten die Herren Boden, Fernandez und Collier ihr vielleicht einen Job anbieten? Aber in San Francisco? Dorthin hatte es sie ihren Lebtag noch nicht verschlagen. Oder war es eine Mitteilung von ihrer Mutter? War sie nach Kalifornien gezogen und teilte ihr nun ihre neue Anschrift mit? Oder war es etwas völlig anderes? Was, zum Teufel, befand sich in diesem Brief?
Sie seufzte laut und musste zugeben, dass sie das Rätsel nicht würde lösen können, wenn sie den Umschlag nicht öffnete.
Sie sah auf die Uhr. 7:12 Uhr. In drei Minuten musste sie aufbrechen, wenn sie pünktlich im Büro erscheinen wollte. Sie hatte Zweifel, dass sie es rechtzeitig schaffen würde, wenn sie jetzt den Brief öffnete. Einerseits, weil sie zunächst alles lesen und verstehen musste. Und das war bei Briefen von Anwälten nicht immer so einfach. Andererseits, weil sie bei einer schlechten Nachricht noch einen Beruhigungstee brauchte. Und der musste mindestens acht Minuten ziehen.
Vielleicht sollte ich ihn erst nach dem Feierabend öffnen, wenn ich wieder da bin. Aber dann werde ich den ganzen Tag grübeln, was sich darin befindet.
Sie sah erneut auf die Uhr. Noch zwei Minuten, bis sie aufbrechen musste.
Sie schielte zum Brotmesser, das auf dem Küchentisch lag. Ein kurzer Schnitt, und das Rätselraten hätte ein Ende. Dann würde zwar ihr Chef ein tadelndes Gesicht ziehen, weil sie zu spät kam, aber sie wüsste wenigstens, woran sie war.
Kurzerhand griff sie zum Messer und schnitt den Brief auf, als würde sie bei der kranken Ratte den Schwanz mit der tickenden Bombe entfernen.
Mit spitzen Fingern holte sie ein einzelnes Blatt aus dem Umschlag und hielt es mit klopfendem Herzen vor ihre Brille.

Sehr geehrte Miss Boticelli,

wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass unsere Klientin Mrs. Felicitas Graham nicht mehr unter uns weilt. Unser herzliches Beileid gilt Ihnen und Ihren Angehörigen.
Mrs. Graham hat uns mit der Erfüllung ihres Testaments betraut. Daher informieren wir Sie darüber, dass Sie die einzige Erbin des Vermögens von Mrs. Graham sind und bitten Sie, zur Klärung der Erbschaft in unsere Kanzlei zu kommen. Zur Festlegung eines Termins bitten wir Sie um baldestmögliche Rücksprache.

Mit freundlichen Grüßen
Daniel Boden
Rechtsanwalt und Notar


Mit zitternden Händen ließ Grace den Brief sinken. Sie atmete hörbar auf. Keine Klageschrift, nicht einmal eine Vorladung. Es handelte sich lediglich um eine Erbschaft. Aber wer war Felicitas Graham? Der Name sagte ihr etwas, irgendwo in ihrem Kopf klingelte etwas. Sie wusste im Moment jedoch nicht, woher sie den Namen kannte. Sie besaß jedenfalls keine Tante oder Urgroßmutter mit diesem Namen.
Das Schreiben musste ein Irrtum sein.
Grace überlegte für einen Moment, Mr. Boden sofort anzurufen und über den Fehler zu informieren, doch ein Blick auf die Uhr belehrte sie eines Besseren. Sie musste unbedingt sofort zur Arbeit fahren, dann besaß sie eine winzige Chance, doch noch pünktlich zu erscheinen.
Sie legte den Brief in ein Buch in ihrem Zimmer und eilte zur Tür. Neben der schweren Eichenpforte befand sich die Garderobe mit mehreren bunten Jacken. Sie zog sich einen einfachen dunkelblauen Blazer über, der zu ihren schlichten Hosen passte, und warf einen Blick in den Spiegel. Sie sah aus wie immer: Ihre großen ausdrucksstarken Augen blickten klug und offen in die Welt, ihr voller Mund mit den geschwungenen Lippen blieb ernst und fast ein wenig schmollend. Grace war eigentlich eine hübsche Frau. Ihr Problem bestand darin, dass sie ihre Schönheit noch nicht entdeckt hatte. Grace sah im Spiegel etwas völlig anderes. Sie hielt sich für unscheinbar und langweilig und sogar hässlich. Sie wünschte sich, dass ihr braunes Haar nicht so dünn und glatt wäre, damit sie es auch mal anders als nur in einem strengen Pferdeschwanz tragen konnte. Sie verwünschte ihre Haut, die an Kinn, Stirn und Nase speckig glänzte. Ein roter Pickel, der genau auf der Mitte des Kinns saß, ärgerte sie. Und sie hasste ihre Brille, die in der Hektik des Morgens leicht verrutscht war und schief auf ihrer Nase hing.
Sie schob das braune Brillengestell mit einem Finger nach oben und versuchte, ihr Spiegelbild anzulächeln. Doch kaum lag das Lächeln auf ihren Lippen, verscheuchte sie es wieder. Ihrer Meinung nach sah es alles andere als charmant aus, nicht einmal freundlich. Stattdessen kamen ihre schiefen Zähne zum Vorschein und es bildeten sich kleine Fältchen an ihren Augen.
Grace seufzte tief. Sie hielt sich wahrlich nicht für eine Sexbombe, nicht einmal, wenn sie sich durch halb geschlossene Lider betrachtete. Sie sah eher aus wie die hässliche Cousine, die bei Familienfeiern niemand gern am Tisch haben will. Kein Wunder, dass Timothy sie bisher nicht auf ein Date eingeladen hatte. Und kein Wunder, dass sie kurz vor ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag noch immer keinen Freund hatte.
Deprimiert wandte sie sich von ihrem Anblick ab und eilte hinaus in den Morgen. Mit einem Krachen fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Grace Boticelli wurde in San Antonio im US-Bundesstaat Texas geboren und hatte ihre Heimatstadt bisher nur zweimal verlassen. Das erste Mal kurz nach ihrem siebzehnten Geburtstag, als ihre Großmutter sie nach dem Unfall ihres Vaters zu sich nach Kentucky holte. Die alte Frau besaß eine kleine Farm in einer der langweiligsten Ecken Kentuckys, wo der Wind ungehindert über die Ebenen fegte und der Himmel in den Nächten so klar war, dass man das Gefühl hatte, die Sterne berühren zu können. Für ein junges Mädchen wie Grace war dieser Ort die reine Hölle gewesen. In der Nähe der Farm gab es keinen Jugendclub, kein Kino, nicht einmal eine Bücherei. Wenn Grace Unterhaltung wollte, musste sie mit ihrer Großmutter reden, die jedoch schon seit Jahren nur mit ihrem schwerhörigen Ehemann und mit neunzig Kühen Kontakt gehabt hatte. Oder Grace musste den Fernseher anschalten. Oder sich ebenfalls mit den Kühen unterhalten. Sie hätte eigentlich die High School in der nächst größeren Stadt besuchen müssen, aber der Weg dahin war zu weit, so dass sie es bleiben ließ.
Sobald sie achtzehn und gesetzlich volljährig war, zog sie zurück nach San Antonio, mietete sich mit zwei Freundinnen aus der Schulzeit ein Apartment und holte ihren Schulabschluss nach. Ich an ihrer Stelle hätte keinen Fuß mehr nach San Antonio gesetzt. Die Stadt im Süden von Texas steht, meiner Meinung nach, Kentucky an Trostlosigkeit in nichts nach. In den öden Straßen liegen Farmen mit Kühen und Pferden, in enger Nachbarschaft befinden sich hässliche Industriebrachen. Die Männer spucken ihren Kautabak aus, wo sie gehen und stehen. Es gibt mehr abgetragene Cowboystiefel als schicke High Heels, und selbst die Villenviertel sehen aus wie anderswo die Armensiedlungen. Wer kein Land besitzt, hat schlechte Karten und muss sich in einem Apartment in den heruntergekommenen Mietwohnungsvierteln einquartieren. Für mich wäre es ein Albtraum. Doch, wie schon erwähnt, hier geht es noch nicht um mich, sondern um Grace. Und Grace kannte nichts anderes als San Antonio. Es war ihre Heimat, hier war sie aufgewachsen und glücklich gewesen. Deshalb kehrte sie zurück und versuchte, ein behagliches Leben zu führen. Sie bewarb sich auf der Polizeischule in San Antonio, um wie ihr Vater Polizist zu werden.
Im zweiten Jahr an der Polizeiakademie führte ein Lehrgang Grace nach Daytona Beach in Florida – das war das zweite Mal, dass die junge Frau San Antonio verließ. Sie fand Daytona interessant, sogar regelrecht aufregend. Immerhin gab es dort einen berühmten Strand und eine noch berühmtere Motorrennstrecke. Und die braungebrannten jungen Surfer ließen ihr Herz höher schlagen. Nicht dass sie etwas mit einem der Jungs angefangen hätte – die Männer hatten nur Augen für langbeinige Strandschönheiten und schienen Grace kaum wahrzunehmen. Und Grace war ohnehin viel zu intensiv mit ihrer Ausbildung beschäftigt, so dass sie sich nicht ernsthaft um eine Liebelei kümmern konnte.

Nach einem Monat in Daytona Beach kehrte sie zurück nach San Antonio, beendete die Grundausbildung, bewarb sich für die Laufbahn einer Kommissarin und wurde in die Youth Squad gewählt, ein Programm, das es Nachwuchspolizisten ermöglichte, schon früh höhere Laufbahnen einzuschlagen. Und Grace verliebte sich schwer. Timothy Clarkson hieß der junge Mann, für den ihr Herz schlug und der wie sie zur Youth Squad gehörte. Er besaß sandfarbenes Haar wie jene Surfer von Daytona, Augen wie das Meer, wo es am tiefsten ist, und einen Körper wie ein Filmstar. Allerdings hatte Timothy nicht das geringste Interesse an Grace. Er arbeitete seit ihrem gemeinsamen Studium zwar als Detective in demselben Gebäude, auf derselben Etage wie Grace, aber das war schon alles, was ihn mit ihr verband. Er steckte in der Abteilung für Mordfälle, Grace hingegen in der für Einbrüche, Diebstähle und leichtere Raubüberfälle. Timothy wusste auch nichts von den Gefühlen, die Grace für ihn hegte. Und, ehrlich gesagt, sie waren ihm auch egal.

An jenem Morgen, als Grace nach dem seltsamen Brief von den Anwälten aus San Francisco mit ihrem klapprigen Ford zur Arbeit ins Polizeirevier von San Antonio fuhr und wegen ihres defekten Auspuffs eine dunkle Abgaswolke hinter sich herzog,  dachte sie seit langer Zeit zum ersten Mal nicht an Timothy, wie sonst an jedem Morgen. Normalerweise überlegte sie auf dem Weg zur Arbeit, unter welchem Vorwand sie zu Tim gehen und mit ihm sprechen könnte. Irgendetwas fiel ihr meistens ein – Grace war eine Frau, die sehr viel Fantasie besaß – so dass sie wenigstens einen Blick in seine Augen werfen und sein sexy Lächeln sehen konnte.
An jenem Tag nahm der Brief von Mr. Boden aus San Francisco ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und Grace suchte in den Tiefen ihrer Erinnerung nach einer Frau mit dem Namen Felicitas Graham, die ihr Geld vermacht haben könnte. Doch es fiel ihr niemand ein. Wahrscheinlich, weil sie in den falschen Ecken ihres Hirns danach kramte. Im Geist ging sie alle Frauen aus ihrer Zeit im Kindergarten durch, ob es vielleicht eine wohlmeinende Erzieherin gegeben haben könnte, die sich mit etwas Geld dafür bedanken wollte, dass Grace solch ein liebes und stilles Kind gewesen war. Dann dachte sie zurück an ihre Schulzeit, wenn auch mit einem unguten Gefühl, denn diese Zeit war keine der schönsten in ihrem Leben gewesen. Aber auch da tauchte keine Felicitas Graham auf. Als sie zu den Monaten in Kentucky kam und schon alle Kühe und deren Namen überdachte, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Mehrere Polizeiwagen mit Blaulicht und Wail-Signal kamen aus der Richtung, in die sie gerade fuhr, und rasten an ihr vorüber den Highway hinunter, von dem sie gerade gekommen war.
Grace drehte sich um, weil sie sehen wollte, wohin die Kollegen so eilig fuhren, konnte aber nichts erkennen, denn die Einsatzwagen bogen an der Kreuzung rechts ab und verschwanden hinter einer Häuserfront.
Sie überlegte, ob sie im Revier anrufen und anfragen sollte, ob ihre Anwesenheit am Einsatzort erforderlich wäre, entschied sich jedoch dagegen. Sie hätten sie schon informiert, wenn sie sie gebraucht hätten.
Stirnrunzelnd fuhr sie weiter und versuchte, an ihre unterbrochenen Gedankengänge anzuknüpfen, doch sie fand den Faden nicht mehr. Schließlich kam sie mit nur drei Minuten Verspätung im Polizeirevier von San Antonio an. Das Hauptquartier der Polizei von San Antonio lag in der Santa Rosa Avenue mitten in der Stadt und war ein großes, helles, mehrstöckiges Gebäude.
Grace parkte ihren alten, gebrauchten Wagen in der großen Garage, wo sie jeden Morgen versuchte, einen Platz direkt neben Timothys Chrysler zu ergattern. Danach fuhr sie mit dem Lift in den vierten Stock, wo sie sich das kleine Büro der Abteilung für Diebstähle und Einbrüche mit vier Kollegen teilte. Sie steuerte jedoch nicht sofort ihren Schreibtisch an, sondern das etwas größere Zimmer am anderen Ende des Ganges, in der die Männer von der Mordkommission saßen.
Vorsichtig klopfte sie an den Rahmen der Tür, die offen stand, und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten.
»Guten Morgen, allerseits, guten Morgen, Tim«, sagte sie munter in den Raum, in dem drei Kriminalbeamte saßen. Sie blickte jedoch ausschließlich zu Timothy, der an seinem Computer eine Mail an den Kollegen in der Spurensicherung schrieb. Er war der Jüngste in der Gruppe der Kriminalbeamten in der Mordkommission und trug Jeans und ein weißes Hemd. Seine sandblonden Haare hatte er nach der neuesten Mode gekämmt und mit Gel fixiert. Grace seufzte unhörbar. Er sah umwerfend aus.
»Wisst ihr, was passiert ist?«, fragte sie, ohne auf eine Erwiderung zu warten. »Ich habe auf meinem Weg gerade mehrere Polizeiwagen vorüberfahren sehen. Irgendetwas Aufregendes?« Sie versuchte bei dem Wort »Aufregendes« ein ironisches Lachen, um den Männern anzudeuten, dass sie das tägliche Einerlei, mit dem sie es im Job normalerweise zu tun hatte, total langweilig fand und gern mehr Action hätte und deshalb eigentlich eine spannende Braut war. Sie liebte es, am Tatort das Puzzle zu lösen, wie eingebrochen worden war, womit und vor allem, wer es getan hatte. Eine Schießerei oder Verfolgungsjagd brauchte sie dabei allerdings normalerweise nicht. Aber das wollte sie Timothy gegenüber nicht zugeben, da sie wusste, dass der junge Mann gern von fesselnden Abenteuern berichtete.
Doch ihre Worte und das Lachen kamen kaum bei den drei Männern an. Sie sahen kurz auf, um zu sehen, wer mit ihnen sprach, dann widmeten sie sich sofort wieder ihrer Arbeit.
»Keine Ahnung«, erwiderte Timothy schließlich. Allerdings klang es eher wie ein Knurren.
»Es waren fünf Wagen«, ergänzte Grace in der Hoffnung, damit sein Interesse zu wecken. Fünf Wagen auf dem Weg zu einem Einsatz waren ungewöhnlich. Dann musste es sich um etwas Bedeutendes handeln.
»Hm«, knurrte Timothy, war aber immer noch mit seiner Mail beschäftigt.
»Vielleicht ist es ein Einbruch, den ich zu lösen habe«, sagte Grace und lächelte aufmunternd. Doch Timothy stieg immer noch nicht auf das Gespräch ein.
»Oder ein Raubüberfall?«
Immer noch keine Reaktion. Das Gespräch verlief, wie so oft, recht einseitig.
Grace überlegte, ob sie Timothy von der Erbschaft erzählen sollte, um damit sein Interesse an ihrer Person zu wecken. Doch sie ließ es lieber sein. Wer weiß, vielleicht erbte sie nur einen alten Gaul, einen Stall oder sogar einen Haufen Schulden. Dann wäre sie das Gespött der Männer, und das wollte sie auf keinen Fall.
»Ich bin jedenfalls gespannt, was bei dem Einsatz herauskommt. Vielleicht nur eine Katze auf einem Baum und die Besitzerin schreit Zeter und Mordio wegen des Tieres«, lachte sie gekünstelt.
»Hast du nichts zu tun?«, fragte Timothy genervt.
»Die Sache beschäftigt mich eben«, erwiderte Grace getroffen und ging einen Schritt rückwärts zur Tür. »Entschuldigt, wenn ich gestört habe.«
»Die Sache beschäftigt uns alle«, sagte auf einmal eine weibliche Stimme hinter Grace. »Und die Herren von der Mordkommission ganz besonders.«
Die Stimme gehörte zu einer Frau, die Grace noch nie gesehen hatte. Sie hatte kurze, blonde Haare und überragte Grace um fast einen Kopf. Sie war um die fünfzig und trug einen beige farbigen Anzug, dazu eine hellblaue Bluse, die ihre strahlendblauen Augen betonte. Sie hatte hohe Wangenknochen und einen Mund, der sanft zu lächeln schien, wobei sich in ihren Wangen kleine Grübchen zeigten. Trotz ihres Alters sah sie aus, wie aus einem Katalog für Traumfrauen entsprungen.
»Guten Morgen«, sagte die Frau, als sie alle Blicke auf sich ruhen sah. »Mein Name ist Mabel Spring, ich bin Hauptkommissarin der Landes-Mordkommission von Texas in Austin und hierher gebeten worden, um Ihnen bei der Aufklärung der Lippenstift-Morde zu helfen. Der Mörder hat heute Nacht wieder zugeschlagen.«
Grace hielt die Luft an. Seit einiger Zeit hielt ein Irrer San Antonio in Atem. Er tötete Frauen und nahm an ihnen groteske Operationen und Veränderungen vor. Und er malte ihre Lippen mit einem knallroten Lippenstift an, was ihm den Namen Lippenstift-Mörder eingefangen hatte.
Die Männer im Raum beendeten bei diesen Worten sofort die Tätigkeiten, die sie gerade ausübten, und konzentrierten ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Blonde, die ihnen diese Neuigkeit übermittelt hatte.
»Wo?«, fragte Richard, ein älterer Kollege. Er saß neben Tim und strich sich bei der Frage sorgenvoll durch seinen grauen Bart.
»In einem Apartmentkomplex in der Orchid Street. Die Putzfrau hat die Leiche gefunden und die Polizei informiert. Es sind soeben fünf Einsatzwagen zum Tatort gefahren. Ich würde sagen, wir sollten ihnen so schnell wie möglich folgen.«
»Er hat eine Weile Ruhe gegeben, aber heute schlägt er wieder zu?«, fragte Tim ungläubig.
»Ja, vielleicht finden wir heraus, was ihn veranlasst hat, erneut zu töten.«
»Wieso sind Sie schon hier?«, fragte Frank skeptisch, der dritte der drei Männer im Raum. Er war Ende dreißig und hatte rötliches Haar, das wie seine Haut nach Talg roch, wenn man ihm zu nahe kam.
»Ich bin seit einer Woche auf Abruf in der Stadt. Seitdem der letzte Mord passiert ist, ermittle ich unabhängig von Ihnen und stehe in engem Kontakt mit Ihrem Boss, Captain Welles. Er rief mich sofort an, nachdem ihn die Mitteilung der Putzfrau erreicht hatte, und bat mich, zu Ihnen ins Büro zu kommen. Er wäre gern selber hier, aber er muss zum Staatsanwalt, Rede und Antwort stehen, wieso es noch keinen Verdächtigen gibt. Aber ich bin hier.« Sie lächelte ein umwerfendes Lächeln, bei dem sogar das Herz von Grace dahinschmolz. Wenn Grace ein Mann oder sexuell anders orientiert gewesen wäre, hätte sie sich vermutlich sofort in dieses Lächeln verliebt. Aber für sie gab es nur das von Tim. Der jedoch hatte momentan nur Augen für die Hauptkommissarin aus Austin.
»Glauben Sie, dass wir nicht gut genug sind?«, brummte Frank leise. Er wollte sich von dem charmanten Lächeln der Hauptkommissarin nicht so schnell einnehmen lassen und leistete Widerstand, wenn auch nur schwach. »Der Kerl hinterlässt keine Spuren, wir haben überhaupt keine Anhaltspunkte, wonach wir suchen sollen.«
»Nein, ich glaube nicht, dass sie nicht gut genug sind. Aber ich wollte mich von Ihren Ermittlungen nicht beeinflussen lassen und mit meinen eigenen Ideen arbeiten. Und Captain Welles hielt es für besser, Sie nicht zu informieren, damit Sie nicht denken, dass Sie versagt hätten. Der Mörder hinterlässt uns alle ratlos. Er hat mit der heutigen Leiche bereits vier Frauen auf dem Gewissen, doch wir stehen ohne Spuren oder gar Verdächtigen da. Die Presse und der Staatsanwalt machen Druck. Wir müssen endlich Ergebnisse bringen. Deshalb sollten wir uns nun zusammentun.«
»Ich bringe Ihnen einen Kaffee«, sagte Timothy und stand auf.
Grace traute ihren Ohren kaum. Tim hatte noch nie irgendjemandem einen Kaffee gebracht. Er wollte an Mabel Spring vorbeigehen, um in der Küche das Gewünschte zu holen, doch die Hauptkommissarin hielt ihn auf.
»Danke, das ist nett von Ihnen, aber dafür haben wir keine Zeit. Ich würde vorschlagen, Sie kommen alle sofort mit mir zum Tatort.«
Tim machte auf dem Absatz kehrt und schnappte sich seine Jacke, die über seinem Stuhl hing. Dann steuerte er, wie seine beiden älteren Kollegen, auf die Blonde zu und wartete auf weitere Anweisungen.
»Gehören Sie dazu?«, fragte Mabel Grace, deren Mund vor Erstaunen über Tims Verhalten offenstand.
»Nein, ich habe mit Morden und Mördern nichts zu tun, nur mit Einbrüchen und Raubüberfällen«, erwiderte sie und klappte ihren Mund schnell wieder zu.
»Dann entschuldigen Sie uns bitte«, sagte Mabel höflich und lächelte dabei freundlich. Ihr attraktives Gesicht wirkte dabei sogar aufrichtig nett.
»Natürlich«, murmelte Grace und trat zur Seite, um die Männer aus der Tür zu lassen, die wie Gänse der Hauptkommissarin folgten und zum Fahrstuhl liefen, ohne Grace eines weiteren Blickes zu würdigen. Danach wollte sie ihnen eigentlich unauffällig folgen und in ihr Büro gehen, doch in diesem Moment machte etwas klick in ihrem Kopf. Es war vermutlich die Erwähnung des Mörders und Grace‘ Antwort, dass sie mit Morden nichts zu tun hatte, die die Erinnerung an Felicitas Graham auslösten.
»Der tote Anwalt!«, rief sie erstaunt aus, woraufhin sich Hauptkommissarin Mabel Spring, Timothy Clarkson und die beiden anderen Detectives überrascht zu ihr umsahen.
»Welcher tote Anwalt?«, fragte Mabel.
Grace konnte spüren, dass sie hoffnungslos errötete. »Nichts. Es ist nichts. Mir fiel nur gerade ein alter Fall ein. Er hat mit dem aktuellen nichts zu tun. Rein gar nichts.«
Mabel runzelte ungehalten über die Störung die Stirn, so dass sich die Röte in Grace‘ Gesicht noch vertiefte. »Wirklich nichts«, murmelte Grace. »Tut mir leid. Ich will Sie nicht aufhalten.« Sie sah zu Timothy, der verständnislos den Kopf schüttelte und Grace mit einem verächtlichen Blick bedachte.
Mabel nickte wortlos und wandte sich abermals dem Fahrstuhl zu, die Männer erneut im Schlepptau.
Grace ärgerte sich über ihren unüberlegten Ausruf und ging in großem Abstand hinter der Gruppe nachdenklich den Gang hinunter. Sie lief jedoch nicht zum Fahrstuhl, sondern zu dem verwaisten Büro des Dezernats für Einbruch und Diebstahl, wo sie sich auf ihren Stuhl setzte und geistesabwesend die Nachrichten auf ihrem Schreibtisch durchging. Es hatte nichts Aufregendes in der Nacht gegeben. Ein paar Einbrüche in den Türmen an der Park Lane, aber da waren die Kollegen schon dran. Ein Raubüberfall in Terrell Hills, doch der Täter war nach einer Belagerung seiner Wohnung bereits gefasst worden und wurde nun verhört. Dazu kamen noch ein paar alte Fälle, die nicht eilten. Sie hatte also Zeit und zudem ein leeres Büro zur Verfügung, um sich um andere Dinge zu kümmern, beispielsweise um Felicitas Graham und ihr mysteriöses Erbe an sie.

Grace erinnerte sich plötzlich sehr genau an die alte Frau, die vor etwa zwei Jahren Grace um Hilfe gebeten hatte. Genau genommen hatte sie die Abteilung des Dezernats für Einbruch und Diebstahl gebeten, den Fall ihres Sohnes zu lösen, doch nur Grace hatte sich der alten Frau angenommen. Felicitas Graham hatte so elend ausgesehen, enttäuscht und unendlich traurig über den Tod ihres einzigen Sohnes, so dass Grace ihr die Bitte nicht abschlagen konnte. Und Grace hatte den Fall auch tatsächlich aufklären können und festgestellt, dass es sich nicht um einen schiefgegangenen Einbruch, sondern um einen perfiden Mord an Jonathan Graham gehandelt hatte. Vermutlich war die alte Frau darüber so dankbar gewesen, dass sie Grace in ihrem Testament erwähnte.
Allerdings hatte Felicitas Graham nicht so ausgesehen, als ob sie viel zu vererben hätte. Ihr Mantel war abgetragen und alt gewesen, ihre Schuhe stammten aus einem anderen Jahrhundert, und ihre Fingernägel waren schmutzig und abgenutzt, als müsste sie trotz ihres Alters sehr hart arbeiten.

Grace fuhr den Computer hoch und googelte den Namen Felicitas Graham, in der Hoffnung, ein paar Informationen über die alte Frau zu erhalten, bevor sie in der Anwaltskanzlei anrief. Doch es gab online so gut wie nichts über sie. Ein Artikel in einer Regionalzeitung von San Francisco erwähnte sie im Zusammenhang mit dem Tod ihres Sohnes. Außerdem erschien sie an der Seite eines Freundes, der ein Tierheim führte. Sie war zum Zeitpunkt des Fotos, das sie in ihrem abgetragenen Mantel zeigte, 79 Jahre alt. Das Foto wurde vor drei Jahren gemacht. Also war sie im Alter von zweiundachtzig Jahren verstorben. Aber mehr war nicht über sie zu finden.
Als nächstes suchte Grace im Internet nach der Anwaltskanzlei Boden, Fernandez und Collier. Über die gab es wesentlich mehr zu entdecken. Sie besaßen mehrere Klienten, deren Interessen sie im Familienrecht, Erbrecht, Vermögensrecht und sogar Strafrecht vertreten hatten und daher in deren medienwirksamen Fällen immer wieder erwähnt wurden. Gustavo Fernandez spielte zudem Golf in der ersten Amateurliga und konnte mehrere Trophäen sein Eigen nennen. David Collier kümmerte sich in seiner Freizeit um die Belange von Golfkriegs-Veteranen, und Daniel Boden war mit der Schwester der Schwiegertochter vom Bürgermeister von San Francisco verheiratet. Alles nichts Aufregendes, aber immerhin wusste sie in etwa, mit wem sie es zu tun hatte.
Grace nahm den Telefonhörer zur Hand und wählte die Nummer von Daniel Boden.
»Anwaltskanzlei Boden, Fernandez und Collier. Susan Pryce am Apparat, was kann ich für Sie tun?«, meldete sich eine helle Frauenstimme.
»Hi, hier ist Grace Boticelli. Ich habe heute einen Brief von Mr. Boden erhalten, der besagt, dass ich geerbt habe. Ich würde gern Näheres dazu wissen, auch wie ich das Erbe ausschlagen kann.«
»Einen Moment, ich stelle Sie zu Mr. Boden durch.«
Sie verschwand vom Apparat und ließ Grace für einen Moment in der Warteschleife zurück. Ein älterer Song von Hurts ertönte, während Grace auf die Stimme von Mr. Boden wartete. Er meldete sich nur einen Augenblick später.
»Mrs. Boticelli, vielen Dank, dass Sie so prompt anrufen!«, rief er enthusiastisch in den Hörer. »Es wäre auch in unserem Interesse, wenn wir die Angelegenheit so schnell wie möglich klären könnten. Wann könnten Sie nach San Francisco kommen?«
Grace lächelte fein. Mr. Boden war offensichtlich ein Mann, der ruckzuck Nägel mit Köpfen machte.
»Ich dachte, wir könnten alles am Telefon klären«, erwiderte sie ruhig. »Ich denke nicht, dass ich das Erbe annehmen möchte.«
»Oh«, sagte er. Seine Enttäuschung war bis nach San Antonio deutlich zu hören. »Das ist sehr bedauerlich. Darf ich fragen, warum?«
»Weil ich Mrs. Graham kaum gekannt habe. Sie war nur kurze Zeit hier, um den Fall ihres getöteten Sohnes aufklären zu lassen, das habe ich getan. Es war mein Job, und der Staat Texas hat mich dafür bezahlt. Mein Gehalt ist nicht sonderlich großzügig, aber ich könnte davon leben, wenn ich nicht ... Aber das interessiert Sie sicherlich nicht. Mehr verdiene ich jedenfalls nicht. Und auf keinen Fall die mühsam ersparten Cents einer alten Frau.«
»Na, so mühsam erspart war das Geld von Mrs. Graham nicht«, erwiderte Boden trocken. »Es handelt sich um ein beträchtliches Vermögen sowie um eine Immobilie. Aber selbst wenn Sie das Erbe wirklich ausschlagen wollen, müssen Sie herkommen und die Papiere vor unseren Augen unterschreiben. Tut mir leid.«
»Ein beträchtliches Vermögen?«, hakte Grace erstaunt nach. »Wie viel ist es denn?«
»Die genaue Summe kann ich Ihnen auf die Schnelle jetzt nicht sagen, aber es ist nicht gerade wenig. Ich denke, es wäre wirklich besser, wenn Sie zu uns kämen und wir alles in Ruhe besprechen würden.«
Grace schluckte. Ein beträchtliches Vermögen? Das klang nach einem angenehmen Leben mit einem neuen Auto, einer eigenen Wohnung und vielleicht sogar hin und wieder einem kleinen Urlaub in Florida in Daytona Beach, um die Surfer zu beobachten. Vielleicht sollte sie doch ...?
»Wann würde es Ihnen denn passen?«, fragte Grace heiser und räusperte sich.
»Einen Moment«, sagte Boden und fragte mit zugehaltener Muschel seine Sekretärin nach dem nächsten Termin. »Am Freitag 14 Uhr«, schlug er Grace vor, nachdem er den Hörer wieder freigemacht hatte. »Würde Ihnen das passen?«
»Das ist ja schon übermorgen!«, rief Grace und kratzte sich nachdenklich am Kopf.
»Ist Ihnen das zu kurzfristig?«
»Nein, nein, ich weiß nicht. Ich denke schon. Ich werde sehen, ob es klappt«, erwiderte sie.
»Dann vielen Dank nochmals für Ihren Anruf und bis übermorgen. Wenn etwas dazwischenkommt, melden Sie sich einfach nochmal. Dann vereinbaren wir etwas Neues.«
»Das mache ich. Vielen Dank und auf Wiederhören.«
Sie wartete, bis Daniel Boden die Verbindung unterbrochen hatte, dann legte auch sie den Hörer zurück auf die Gabel.
Ein beträchtliches Vermögen hatte er gesagt. Wie viel mochte das sein? Zehntausend Dollar? Zwanzigtausend? Für Grace wären schon fünftausend Dollar viel Geld gewesen. Sie verdiente zwar wirklich nicht schlecht in ihrem Job, aber mehr als die Hälfte davon ging für die Pflege ihres Vaters drauf, der in einer Klinik dahinvegetierte und ohne Pflegekräfte und teure Medikamente nicht auskam.
Mit zehntausend Dollar könnte sie ihren alten Ford reparieren lassen. Sie könnte sich eine Woche Urlaub in Florida leisten und sogar einen Surfkurs belegen. Natürlich müsste sie vorher einen neuen Badeanzug kaufen und ein paar Mal in der Sonne liegen, um ihre bleiche Haut zu bräunen. Sie könnte jeden Tag Eis am Stiel essen und in einem Club einem Nackttänzer eine Dollarnote in den Slip stecken. Sie könnte vermutlich sogar ein ganzes Regal voller Bücher kaufen, um ihr Bedürfnis nach Liebesromanen mit attraktiven männlichen Helden zu befriedigen.
Darüber hinaus hatte die alte Frau offenbar Immobilien besessen. Sie könnte vielleicht in ein eigenes Haus ziehen! Lilly und Bella könnte sie ja mitnehmen. In einem Haus, selbst wenn es nur eine alte Hütte wäre, hätten sie wesentlich mehr Platz als in einer kleinen Wohnung. Es war allerdings fraglich, ob sich die Immobilie in San Antonio und somit in ihrer Reichweite befand. Aber das würden die Anwälte schon wissen und ihr bei dem Termin mitteilen.
Auf der anderen Seite jedoch konnte sie unmöglich Geld von einer ihr fast unbekannten Frau annehmen, für die sie nur einen Job erledigt hatte. Sie hatte vielleicht ein bisschen mehr gemacht, als andere getan hätten – und de facto getan hatten – und vielleicht auch ein bisschen mehr, als üblich war, aber es war dennoch ihr Job gewesen. Und dafür jetzt noch extra Geld zu nehmen, fühlte sich irgendwie falsch an. Als würde sie von einer armen Frau eine Belohnung dafür verlangen, dass sie deren arme Katze aus dem Baum gerettet hatte. So etwas machte man nicht. Allerdings ...
»Boticelli, hör auf zu träumen, es gibt Arbeit«, drang auf einmal die Stimme von Captain Welles an ihr Ohr. Der kräftige Mann um die Vierzig mit der Figur eines Bodybuilders stand in der Tür und reichte Grace einen Stapel mit Papieren. »Ich komme gerade vom Staatsanwalt zurück, was nicht gerade angenehm war. Kaum bin ich hier, finde ich eine neue Meldung auf meinem Schreibtisch. Ein Einbruch in der Dakota Avenue. Ein Einfamilienhaus wurde leergeräumt, während die Familie beim Essen saß. Viel Spaß damit.«
Grace nickte und nahm die Unterlagen in Empfang, um sofort danach aufzuspringen und einen Officer aus dem ersten Stock zu bitten, mit ihr zum Tatort zu fahren.
 

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