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Von: Falabella

Ende des Alptraums

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Was bisher geschah: Carlin flüchtet erneut, doch Nastra bringt sie entgültig zu Fall.

Sie weigerte sich zurückzulaufen.

Nastra seufzte und warf sich das Mädchen kurzerhand über die Schulter.

In freundlichem Ton hatte er ihr erklärt, dass er, wenn er es hier tun würde, nur allzu viel Ärger mit ihrer Leiche haben würde.

Blut, das sein weißes Hemd ruiniert, ihr Körper, den er zurückschleppen muss, Totengeister, die angelockt werden könnten – nichts von alldem hatte Carlin überzeugen können, ihre Beine in Bewegung zu setzen.

„Ich laufe nicht zu meiner Hinrichtung“, hatte sie gemault und in die Ferne gestarrt.

Im Moment hing sie schlaff über seiner Schulter.

Nastra konnte sich nicht vorstellen, dass es sonderlich gemütlich war, aber sie beschwerte sich nicht.

Jetzt musste er sie doch zurücktragen.

Miststück.

Er seufzte. Was soll’s.

Sein Messer würde trotzdem das Leben aus ihrem hübschen Körper reißen, ob sie das nun wollte oder nicht.

Auch wenn er es fast schon etwas schade fand.

Beinahe eine Stunde dauerte der Rückweg zur Villa.

Als er Carlin am Lieferwagen absetzte, taten ihm die Arme weh.

Zwar war er es gewöhnt, schwere Lasten zu tragen, aber über einen längeren Zeitraum hinweg war das ganz schön anstrengend.

Das Mädchen wirkte verloren, als sie auf der Ladefläche saß und ihreHände anstarrte, als könnten sie ihr sagen, was sie tun sollte.

Nastra brummte.

Bevor er heute noch irgendjemanden umbringen konnte, brauchte er unbedingt etwas zu trinken.

Sie einzufangen hatte ihn Kraft gekostet, auch wenn er zugeben musste, dass es ihm gefallen hatte, sie dabei zu beobachten, wie sie planlos durch den Wald gestreift war, voller Angst im Rücken.

Er hatte den Herbricht nicht einmal gebraucht, ihre Spuren waren deutlich genug gewesen. Ein Kleinkind hätte sie aufspüren können.

Wenigstens weinte sie nicht mehr.

Nichts fand er furchtbarer als Tränen. Sie machten hässlich und schwach.

„Beweg dich weg und du bereust es. Ich bin ein verdammt guter Messerwerfer.“

Carlin sagte nichts, nickte nur schwach.

Zufrieden ging Nastra zu dem Auto, das vor dem Lieferwagen stand.

Es war ein schöner Wagen und wenn er die kleine Unschicklichkeit erledigt hatte, die ihm noch bevorstand, würde er damit nach Sanprin fahren, einem weiteren Versteck. Von dort aus war ein ungestörtes Telefonat mit Recaret eine leichte Sache, weil Sanprin tief in den Wäldern lag, ebenfalls eine alte Villa.

Recaret hatte eine Schwäche für die sagenumwobenen, ehemaligen Grafen- und Fürstenhäuser, vor allem für solche, die kaum gefunden werden konnten oder schon halb zerfallen waren.

Zum Glück gab es auf Nastras Rückweg nur intakte Gebäude.

Er schnappte sich eine Tasche und zog eine Flasche Wasser hervor.

Carlin saß unbewegt da.

Anscheinend hatte sie aufgegeben. Armes Mädchen. Sie tat Nastra schon leid.

Sie war jung und hübsch und musste durch seine Hand und Recarets Befehl sterben.

Manchmal war das Leben ganz schön unfair.

Er trank etwas und lief dann zurück.

Dabei stieß er den Herbricht zur Seite, der sich einfach mitten in den Weg gelegt hatte.

Wie er dieses Biest hasste!

Carlin sah auf, mit unbewegter Miene blickte sie ihn an.

„Das war’s dann wohl, was?“ meinte er und das schlechte Gefühl, dass er bei ihrem erschöpften Gesicht hatte, zwickte ihn ein wenig.

Aber es war gerade noch soviel, dass er es ignorieren konnte.

 

Was machte man, wenn man nur wenige Augenblicke von seinem Tod entfernt war?

Kämpfen, fliehen, weinen, mit stolzem, aufrechtem Gesicht darauf warten?

Carlin sah Nastra einfach nur in die Augen.

Früher war ihr das immer unangenehm gewesen.

Nein Danke! Augenkontakt? Viel zu überbewertet, fand sie.

Damals.

Seit wenigen Minuten schien „damals“ nicht mehr zu existieren.

Wenn es doch nur schon vorbei wäre!

Wenn er sie nicht schon irgendwo begraben hätte!

Ihr Herz zersprang fast vor Angst und es gab keinen Weg es zu verhindern.

Die Stille schien ihm unangenehm zu sein.

Zweifelte er etwa?

Selbst wenn, Carlin war schläfrig. Die letzte Woche und vor allem die letzten Stunden hatten sie fertig gemacht.

„Ich kann’s nicht verhindern. Tut mir leid.“ Nastra zuckte entschuldigend mit den Schultern. Dann zog er sein Messer.

Kniete sich vor ihr hin.

Schließ einfach die Augen!

„Ganz schnell“, flüsterte er.

Ganz schnell, sagt er, es tut sicherlich kaum weh!

 „Ach verdammt nochmal!“ fluchte ihr zukünftiger Mörder.

Sein Handy klingelte.

Natürlich. Das musste ja passieren.

Er stand sichtlich genervt auf, ging ein paar Schritte auf einen kleinen Zaun zu, der die Einfahrt säumte.

Drehte ihr den Rücken zu.

Carlin wartete.

Dann bemerkte sie, dass der Herbricht sie anblickte. Und dannNastra. Ein leises Winseln.

Wenige Momente vergingen. Carlins Herz raste.

Was hatte Nastra gesagt?

Solange sie an der Leine waren, taten sie das, was er von ihnen verlangte.

Aber wenn man sie freiließ…

Gingen sie auf denHoler los, oder?

Nastra war der Holer, oder?

Carlins Augen weiteten sich, sie begann zu zittern.

Gab es etwa doch noch Hoffnung?

Sie sah zu ihm, aber war mit telefonieren beschäftigt.

Er klang wütend.

Schnell! Carlin, jetzt!

Sie schmiss sich auf den Boden und packte das Halsband. Der Herbricht knurrte, stand auf und hatte Nastra im Visier.

Ihre Hände zitterten. Wie ging das auf, verflixt nochmal!

Dann ein lautes Fluchen.

Nastra! Er hatte sie gesehen!

Jetzt geh auf!

Na komm schon!

Das Knurren des Herbrichts wurde lauter, intensiver, er spannte sich an.

Lass das!“ schrie Nastra und in diesen Moment hatte Carlin es geschafft.

Sie hatte die Leine gelöst und die hundeähnliche Bestie preschte davon.

Carlin stand auf, ihre Beine zitterten wie Espenlaub.

Ungläubig starrte sie auf die Szene vor ihr.

Nastra stolperte zurück und griff nach dem Herbricht.

Mit monströsen Kräften schnappte er nach Nastras Gesicht, immer und immer wieder.

Angestrengt hielt Nastra ihn sich vom Leib.

Er hatte das Halsband in der Hand, aber für wie lange noch?

Schweiß lief ihm über das Gesicht.

Was tat er da nur?

Unsicher ging Carlineinen Schritt zurück.

Nastra keuchte und der Herbricht versuchte nun, nach seinen Fingern zu beißen. Das ehemals blütenweiße Hemd war zerrissen und blutrot, im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber noch war Nastra nicht tot.

Zerfleisch ihn! Zerfetz ihn! Zerleg ihn in seine blutigen Einzelteile!

Tu das, was er mit mir vorhatte!

Töte ihn! Töte Nastra!

Dann winselte der Herbricht und sprang abrupt von ihm ab.

Legte sich vor seine Füße und jaulte jämmerlich.

Carlin sah ihm mit offenem Mund zu.

Was war passiert?

Wieso hatte er plötzlich aufgehört?

Nastra rang nach Luft, blickte zu dem Monster, das nun zusammengekauert vor ihm saß.

Ein eiskalter Schauer jagte Carlin den Rücken hinunter.

Sie sah es erst jetzt.

Es war ein Band. Eine provisorische Leine.

Er musste sie in der Jackentasche gehabt haben.

Und irgendwie hatte er es geschafft sie zu befestigen.

Ein Klumpen in ihrem Magen.

Alles war dahin. Jegliche Hoffnung war verschwunden.

Mit einem Ruck schaute sie auf. Genau wie Nastra.

Es war ein winziger Augenblick.

LAUF, CARLIN!

Sie drehte sich um und wollte rennen.

Aber Nastra war flink durch all die Jahre geworden, die er nun schon tötete.

Er bekam ihren Arm zu fassen und Carlin drehte sich zu ihm, um sich zu wehren.

„NEIN!“ schrie sie.

Zu spät.

Nastras Messer war geschmeidig.

Es rutschte ganz leicht durch ihren Hals und riss eine tiefe Wunde.

Sie spürte, wie es hinaus glitt und an ihrer Haut kratzte.

Nur ein Moment.

Ganz schnell, hatte er gesagt.

Und es auch wahr gemacht.

Sie sah ihm ungläubig in die Augen, noch während es geschah.

Nur wenige Sekunden später brach sie in seinen Armen zusammen.

 

Er fing sie auf.

Blut, Blut, Blut.

Die Hauptschlagader hatte er erwischt.

Wie ein Profi, nur dass es diesmal ungewollt war.

Er hatte nicht vorgehabt, ihr sein Messer in den Hals zu stoßen.

Es war ein Reflex gewesen.

Verflixt nochmal!Nastra war wütend auf sich selbst.

Wenigstens war sie beinahe sofort ohnmächtig geworden.

Zudem sie in wenigen Minuten tot sein würde.

Mit einem mulmigen Gefühl sah er sich um.

Der Herbricht, dieses hassenswerte, widerliche Subjekt!

Zum Teufel, er hatte ihm Leben nicht damit gerechnet, dass sie sich trauen würde, auch nur in die Nähe dieses Höllenhundes zukommen!

Knapp war es gewesen, er hörte schon sein letztes Stündlein schlagen.

Aber dann hatte er das Band doch durch den Haken bekommen.

Das Mädchen konnte ja nicht wissen, dass er dieses Szenario tausende von Male geübt hatte.

Ach verdammt, das Mädchen!

Ihr Gesicht war inzwischen farbloser als ein Blatt Papier und sie lag so leblos in seinen Armen, wie ein Stein.

Tot, ja, sie war tot.

Seufzend ging er zu seinem Auto.

Es war lange her, dass er sich nach einem Mord so schlecht gefühlt hatte.

Eine ewig lange Zeit, an die er sich kaum erinnern konnte.

Murrend öffnete er die hintere Tür und legte sie vorsichtig auf den Rücksitz.

Fluchend fuhr er zurück.

Sein sowieso völlig kaputtes Hemd, war durchtränkt mit dem immer noch warmen Blut.

Es war soviel, dass er es auswringen konnte.

Na wunderbar, dachte Nastrasich. Zu seinem Glück waren seine Wunden nur oberflächlich.

In seinem Leben nicht, würde Nastraden Herbricht auch nur in die Nähe von sich oder dem Mädchen lassen. Der einzige halbwegs sichere Raum in einem Auto war der Kofferraum und dort würde die Bestie auch hinkommen.

Zudem er sich schon etwas darüber freute, dass er Carlin noch etwas in seiner Nähe haben konnte, auch wenn sie nun ihr Leben ausgehaucht hatte.

Nastra ging in die Villa, duschte, zog sich saubere Sachen an, fuhr den Lieferwagen in die Garage, verstaute dies und das und rief Magastra nochmal an um sich für den plötzlichen Abbruch des vorherigen Telefonats zu entschuldigen.

Nachdem er den Herbricht eingesperrt hatte, dämmerte es bereits.

Doch das würde Nastra nicht davon abhalten, heute noch nach Sanprin zu fahren. Er vermisste sein kleines Häuschen in RecaretsDorf und vor allem sein Bett dort.

Nicht, dass es in den Villen keine Betten gab, ganz im Gegenteil, sie waren dafür da, in ihnen die Nächte und Tage zu verbringen, aber Nastra war der Meinung, dass es nur zu Hause am schönsten sein konnte.

„Dann fahren wir mal, oder was meinst du?“, fragte er die Tote auf dem Rücksitz, während er wendete um in den Wald fahren zu können.

Aber Carlin gab ihm keine Antwort.

 

(-> Die Geschichte pausiert momentan)

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