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10/10
Von: Stancer

Wenn es am schönsten ist

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Seit drei Oncaden wohne ich nun in Bjyga, einer größeren Stadt im Quintonius, nicht weit vom Sixtischen Meer. Zusammen mit Damien, den ich beim Michael-Jackson-Konzert kennen gelernt habe, bewohne ich eine große Altbauwohnung mit Stuckdecken, zwei Balkonen und schöner Dachterrasse in der Innenstadt. Damien ist ein netter Kerl, wir verstehen uns prima und unternehmen viel zusammen. Die Wohnung ist groß genug, um uns nicht gegenseitig auf die Nerven zu gehen, wenn einer mal einen schlechten Tag hat, was auch hier in Peyx vorkommen kann. Mein Häuschen im Wald war zwar sehr schön, aber langsam wurde es mir zu eintönig. Ich brauchte einfach wieder Menschen um mich und das Leben einer Stadt.

Opa hat inzwischen seine Ankündigung wahr gemacht und ist vorzeitig zurück zur Erde, nach Italien, wo er als Sohn eines Weinbauern wiedergeboren worden ist; irgendwann wird er das Weingut mal übernehmen. Oma nimmt es erstaunlich gelassen, fast habe ich den Eindruck, sie ist froh, ihn los zu sein, wahrscheinlich sucht sie sich bald einen anderen, auf den sie einzetern kann, wer weiß. Aber mir fehlt er schon sehr, die langen Spaziergänge und Gespräche mit ihm, die Zigarre nach dem Kaffee.

Und doch kann ich ihn verstehen, je länger ich hier bin: Auf Dauer ist es langweilig. Dieses Wunschlos-glücklich-sein als Dauerzustand ist ermüdend, ab und zu braucht es einfach mal Anstrengungen und negative Erlebnisse, um die glücklichen Stunden wieder richtig genießen zu können, es muss ja nicht gleich eine unheilbare Krebserkrankung, ein Weltkrieg oder die Wiederwahl der Bundeskanzlerin sein. Ich sehne mich einfach nach so etwas wie dem Nachhausekommen nach einem kalten, verregneten Tag mit einer Riesenmenge zuzustellender Post und einer Autopanne, ein bisschen stolz, es trotzdem geschafft zu haben, dass das gelbe Auto zum Feierabend leer war, so was halt, ja, das fehlt mir.

Gestern Nachmittag war ich beim Übergangsamt und habe mir die freien Stellen für freiwillige Rückkehrer angesehen. In zehn Tagen wird in der Nähe von Avignon ein Junge geboren, der mit zwanzig ein bekannter Pornostar und später ein bedeutender französischer Schriftsteller wird. Darauf habe ich mich beworben. Drücken Sie mir die Daumen!

 

- E N D E -

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Kommentare

Erstellt von Schreiblehrling (Benutzer) on
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So schön zu lesen! Ich wünsche mir wirklich, dass der "Himmel" so aussieht und habe auch schon versucht, mein Punktekonto auszurechnen...